Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Fünfter  Teil.  Verkehr.  I.  Zur  Geschichte  des  Verkehrs.

daß  Jnundationen  über  versumpfte  Uferstrecken  bei  Hochwasser  und  nach  dessen
Ablauf  in  ausgedehnter  Weise  das  Treffen  oder  Festhalten  der  Fahrrinne  erschwerten ­
  usw.  Dies  alles  freilich  tat  der  quantitativen  Benützung  wenig  Eintrag.
Die  Flußschiffe  entsprachen  selbstverständlich  dem  sehr  verschiedenen  Bedürfnisse,
waren  aber  ihrer  Gestalt  nach,  wenn  man  nach  einzelnen  Abblldungen  oder  nach  den
seit  so  und  so  viel  Jahrhunderten  anerkannt  noch  heute  in  Gebrauch  stehenden  Stromkähnen ­
  des  Nordostens  Deutschlands  schließen  darf,  ziemlich  plump  und  von  roher
Arbeit,  also  leichter  dem  Auflaufen  ausgesetzt,  allerdings  auch  Erschütterungen  mehr
gewachsen.
Zu  Lande  aber  war  der  vierrädrige,  unbedeckte  Fuhrwagen  immer  mehr  in
Übung  gekommen.  Auch  die  Personenwägen  entbehrten  aller  schützenden  Bedeckung.
Der  Aufsatz  auf  den  Achsen  wechselte  je  nach  dem  Herkommen  der  Landschaft.  Doch
war  die  Verwendung  eines  länglichen  offenen  Kastens  offenbar  sehr  verbreitet,  wodurch ­
  das  Fahrzeug  schwerfälliger  wurde  und  doch  öfter  zu  Fall  kam.  Den  Nachteilen ­
  des  Grundruhrrechtes  suchte  man  durch  den  Gebrauch  kleiner  Räder  auszuweichen, ­
  so  daß  der  Wagen  allerdings  nicht  so  leicht  das  Gleichgewicht  in  den  Weglöchern ­
  verlor,  aber  auch  langsamer  zum  Ziele  kam.  Immer  blieb  auch  das  Packpferd ­
  in  fleißiger  Verwendung.

4.  Das  Verkehrswesen  in  Deutschland  vor  siebzig  Jahren.
Von  Otto  Bahr.

Bahr,  Eine  deutsche  Stadt  sKasselj  vor  60  Jahren.  2.  Ausl.  Leipzig,  F.  W.  Grunow,
1886.  S.  71—76.
Man  hat  heute  kaum  noch  eine  Vorstellung  von  der  Abgeschlossenheit,  in  welcher
sonst  jeder  Ort  lebte.  Dinge,  die  z.  B.  in  Frankfurt  a.  M.  vorgekommen  waren,
erfuhr  man  in  Kassel  erst  vierundzwanzig  Stunden  später  (so  z.  B.  auch  noch  im  Jahre
1847  den  in  Frankfurt  erfolgten  Tod  des  Kurfürsten).  Vergegenwärtigen  konnte  man
sich  diese  Zustände  wieder  einige  Male  während  der  Kriegsläufe  der  Jahre  1866  und
1870,  wo  man  auch  nicht  wußte,  wie  es  in  der  Entfernung  von  wenigen  Meilen
aussah.  Wer  in  jener  früheren  Zeit  nach  Norddeutschland  reiste,  konnte  an  dieser
oder  jener  Stelle  Türme  gewahren,  auf  welchen  eine  merkwürdige  Maschine  mit
ihren  Armen  in  der  Luft  arbeitete.  Das  war  der  optische  Telegraph,  der  zwischen
Berlin  und  Koblenz  spielte.  Für  das  große  Publikum  hatte  derselbe  aber  nur  wenig
Interesse.  Wer  nach  1833  in  Göttingen  studierte,  sah  dort  hoch  am  Johannisturme
her  einen  die  ganze  Stadt  überragenden  Draht  gespannt.  Man  sagte,  das  sei  ein
elektrischer  Telegraph,  mittels  dessen  die  Professoren  Gauß  und  Weber  bei  ihren
wissenschaftlichen  Arbeiten  sich  Zeichen  gäben.  Aber  niemand  ahnte,  daß  in  diesem
Drahte  ein  weltbeherrschendes  Institut  verborgen  sei.
Das  einzige  Beförderungsmittel  der  damaligen  Zeit  war  das  Pferd.  Diesem
suchte  man  allerdings  das  Leben  leicht  zu  machen.  Für  die  Hauptlinien  bestanden
schon  gut  gebaute  Landstraßen,  die  man  auch  fortwährend  zu  verbessern  bemüht  war.
So  wurde  z.  B.  zwei  Stunden  von  Kassel  auf  der  Straße  nach  Frankfurt  das  Baunetal
  durch  einen  hohen  Erddamm  überbrückt.  Das  hielt  man  damals  für  ein  so  bewunderungswürdiges ­
  Werk,  daß  viele  von  Kassel  hinausfuhren,  um  es  zu  sehen.
Gleichwohl  bewegte  sich  der  Verkehr  recht  langsam.  Die  alten  Postwagen  —  welche,
wie  Iueu8  a  non  lucendo,  „Diligencen"  hießen  —  waren  meist  schwerfällig  und
unbequem  und  hielten  sich  auf  den  Stationen  oft  stundenlang  auf.  Im  Jahre  1827
führte  einst  bei  einem  Spaziergang  mein  Vater  mich  auf  den  Posthof  und  zeigte  mir
dort  einen  großen  zwölfsitzigen  Wagen.  „Sieh,  das  ist  der  neue  Eilwagen",  sagte  er.
            
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