4. Das Verkehrswesen in Deutschland vor siebzig Jahren. 527
„der fährt in vierundzwanzig Stunden nach Frankfurt." Ein Wunder! derselbe ging
anfangs dreimal die Woche. Zwischen Kassel und Berlin wurde um dieselbe Zeit
eine Eilpost hergestellt, welche zweimal die Woche ging und in zweiundeinhalb Tagen
ihr Ziel erreichte. Es läßt sich schon hieraus entnehmen, daß damals Frankfurt als
Handelsplatz für Kassel eine weit größere Bedeutung hatte als Berlin. In späteren
Jahren gingen zwischen Kassel und Frankfurt sogar täglich zwei (neunsitzige) Wagen,
die nach zwanzig Stunden anlangten. Neben der Fahrpost bestand eine „reitende
Post" für Briefe. Der Postillion führte dieselben in einem Felleisen, das er vor sich
auf dem Pferde liegen hatte. Später wurde diese Post in eine Karriolpost verwandelt,
bei welcher der Postillion, auf einem kleinen offenen einspännigen Kärrnchen sitzend,
das Postfelleisen beförderte. Nur „Stafetten", die übrigens damals nicht selten waren,
wurden noch „geritten". Kam zu einer kritischen Zeit eine solche an eine gewichtige
Person an, so geriet leicht der ganze Ort in Aufregung über die Frage, was das wohl
bedeuten möge. Zwischen nahegelegenen Orten wurde auch noch der Verkehr viel
fach durch Botenfrauen vermittelt, welche mit einer Kötze auf dem Rücken regelmäßig
hin und her gingen und alle kleineren Sendungen besorgten.
Die Langwierigkeit und Kostspieligkeit des Postverkehrs übte natürlich ihren
Einfluß auch auf das Briefschreiben aus. In kaufmännischen Kreisen wurden wohl
schon damals Briefe reichlich gewechselt. Im allgemeinen aber war der Briefverkehr
äußerst gering. Dafür kann folgendes als Zeugnis dienen. Saß man abends im
häuslichen Kreise um das brennende Talglicht, so bildete sich mitunter an dem Dochte
desselben eine rotglühende Schnuppe, einem roten Siegel vergleichbar. Dann pro
phezeite man scherzweise demjenigen, welchem dieses Phänomen zugewandt war: „Du
bekommst einen Brief!" Das war damals noch ein Ereignis. Schrieb man selbst
einen Brief, so mußte man ihn an dem Postschalter in die Hände des Beamten liefern.
Erst im Jahre 1848 schuf die träge Taxissche Postverwaltung in den Straßen aus
gehängte Briefkasten, nachdem Fr. Oetker in seiner „Neuen hessischen Zeitung" sie
aufs ärgste dazu gedrängt hatte. Wollte der Absender den Brief frankieren, so mußte
er das Porto an dem Postschalter bar erlegen. Für die Taxierung des Briefes
fanden sehr verwickelte Berechnungen statt, da dasselbe nach der Meilenzahl in vielen
Abstufungen sich steigerte. Danach belief sich das Porto für die weiteste Entfernung
des preußischen Gebiets auf 19 Sgr. Ähnlich verhielt es sich in den übrigen Post-
gebieten. Auch die Taxe für Pakete wurde nach der Entfernung in weithin sich
steigernden Sätzen berechnet. Bereits im Jahre 1844 wurde jedoch das Briefporto
für die weiteste Entfernung auf 6 Sgr. herabgesetzt. Ein Brief von Kassel nach Berlin
kostete 6, nach Frankfurt a. M. 3 Sgr., wozu noch Sgr. Bestellgeld kam. übrigens
war es gar nicht üblich, Briefe zu frankieren. Ein Strafporto wegen unterbliebener
Frankatur bestand nicht. Und deshalb überließ man gern dem Empfänger die Zah
lung des Portos, da man dann sicherer zu sein glaubte, daß die Post den Brief
wirklich besorge. Ein Umschwung in diesen Verhältnissen trat erst durch den im Jahre
1850 abgeschlossenen deutsch-österreichischen Postvertrag ein, in welchem das Porto
für das ganze Postvereinsgebiet auf 1, 2 und 3 Sgr. festgesetzt wurde. Zugleich wurde
für die Nichtfrankatur ein Strafporto angeordnet, das Frankieren aber durch Ein
führung von Postmarken erleichtert. Welchen weitern Aufschwung dann das Brief
schreiben durch die Herabsetzung des Portos für ganz Deutschland und Österreich auf
1 Sgr., durch die Einführung der Postkarten und endlich durch die Schaffung des
Weltpostvereins genommen, lebt in aller Bewußtsein. Die Postkarte hat unter anderm
auch die Wirkung gehabt, daß in ihr der Kurialstil der Briefe, auf welchen man früher
großen Wert legte, mehr und mehr zurücktritt. Wie sind wir Ältern in der Schule
gequält worden mit allen möglichen Titulaturen von Hochgeboren bis Wohledel
geboren, die man einem jeden nach Stand und Würde angedeihen zu lassen habe!
Heute kommt man mit weit weniger ab.