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Fünfter Teil. Verkehr. III. Eisenbahnen.
lichen Elementen der Keim und Anfang der heutigen Lokomotivkonstruktion, aus dem
denkwürdigen Wettkampfe bei Rainhill vom 6.—12. Oktober 1829 hervor.
Georg Stephenfon war. wie fast alle großen Erfinder, ein Eklektiker im
höchsten Sinne des Wortes. Den Hochdruckdampf, den ihm G o r d o n , die Erfah
rungen über Adhäsion zwischen Rad und Schiene und die Wirkungen des Blaserohrs,
die ihm Richard Trevethik hinterlassen, die Idee zum vielröhrigen Kessel,
die ihm B o o t h gegeben hatte, vereinigte sein Genie, was keiner seiner Vorgänger
gekonnt hatte, zur großen praktischen Tat: der Konstruktion des „Rocket“, der E r -
findung der modernen Lokomotive. Wie die stehende Dampf
maschine, in fast vollendeter Form, aus Hand und Hirn James Watts her
vorging, so übergab Georg Stephenson die rollende Dampfmaschine
der Mitwelt in einer Gestalt, an der seine Epigonen wohl im Detail bessern, durch
arbeiten, verstärken konnten, der sie aber kein wesentliches Organ mehr anzufügen hatten.
Das neue Rüstzeug der Zivilisation ist fertig aus seiner Hand hervorgegangen.
Der 16. September 1830, der Tag der Eröffnung der Liverpool- und Man
chester-Bahn, sollte, wie in aller seiner Glorie, so auch in Freud und Leid, ein ver
kleinertes Abbild der Zukunft des Eisenbahnwesens werden. Die Reduktion des
Raumes zwischen der größten Fabrikstadt und der zweitgrößten Hafenstadt der Welt
auf weniger als ein Viertel des früheren, mit allen ihren unabsehbaren Konsequenzen,
führte die ganze segenspendende Gewalt der neuen großen Erfindung mit einem
Schlage überwältigend vor Augen; dainit aber auch der düstere Dämon, der in den
dienstbar gemachten, gewaltigen Kräften wohnt, warnend zur Erscheinung komnie,
forderte er gleich am Eröffnungstage der ersten modernen Eisenbahn eines seiner kost
barsten Opfer. Das Parlamentsmitglied H u s k i s s o n wurde von einer Lokomotive
überfahren und getötet.
Wie man den Tag des Beginns des Wettfahrens zu Rainhill (6. Oktober 1829)
als den Geburtstag der Lokomotive feiern darf, so muß man die Schaffung des
modernen Eisenbahnsystems vom Tage der Eröffnung der ersten, mit schnellfahrenden
Lokomotiven betriebenen Linie, der Liverpool- und Manchester-Bahn, datieren. Mit
beiden, zu den denkwürdigsten in der Geschichte der Kultur gehörenden Tagen ist der
Name Georg Stephen sons unsterblich verknüpft.
Die Königin, der Adel und das Volk von England haben ihm neben Watt,
Wellington, Nelson und Shakespeare ein Denkmal in der Westminster-
abtei errichtet.
Wie aber jedes dankbare Volk die Waffen, die edle Helden im Kampfe für
das Vaterland getragen haben, in seinem Pantheon zu Trophäen gruppiert, auf
bewahrt, so hat England zu Darlington und zu London die ersten Lokomotiven,
welche Stephenson erdachte, im Namen der ganzen dankbaren Welt auf Posta
menten zu ewigem Andenken ausgestellt, als glanzlose, aber dennoch leuchtende
Trophäen aus den Waffen und Rüstzeugen, die einer der siegreichsten Ritter vom
Geiste im friedlichen, aber ernsten Kampfe geführt hat für das höchste Ziel der
Menschheit: die Zivilisation.
5. Die Anfänge des Eisenbahnwesens in Deutschland.
Von Gustav Cohn.
Cohn, Nationalökonomie des Handels und des Verkehrswesens. Stuttgart, Friedrich
Enke, 1898. S. 872—879.
Im März 1825 weist der hochverdiente Industrielle Fritz H a r k o r t auf die
englischen Eisenbahnen hin und empfiehlt ihre Nachahmung; die Zeitschrift „Hermann"