Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

548

Fünfter  Teil.  Verkehr.  III.  Eisenbahnen.

lichen  Elementen  der  Keim  und  Anfang  der  heutigen  Lokomotivkonstruktion,  aus  dem
denkwürdigen  Wettkampfe  bei  Rainhill  vom  6.—12.  Oktober  1829  hervor.
Georg  Stephenfon  war.  wie  fast  alle  großen  Erfinder,  ein  Eklektiker  im
höchsten  Sinne  des  Wortes.  Den  Hochdruckdampf,  den  ihm  G  o  r  d  o  n  ,  die  Erfahrungen ­
  über  Adhäsion  zwischen  Rad  und  Schiene  und  die  Wirkungen  des  Blaserohrs,
die  ihm  Richard  Trevethik  hinterlassen,  die  Idee  zum  vielröhrigen  Kessel,
die  ihm  B  o  o  t  h  gegeben  hatte,  vereinigte  sein  Genie,  was  keiner  seiner  Vorgänger
gekonnt  hatte,  zur  großen  praktischen  Tat:  der  Konstruktion  des  „Rocket“,  der  E  r  -
findung  der  modernen  Lokomotive.  Wie  die  stehende  Dampfmaschine, ­
  in  fast  vollendeter  Form,  aus  Hand  und  Hirn  James  Watts  hervorging, ­
  so  übergab  Georg  Stephenson  die  rollende  Dampfmaschine
der  Mitwelt  in  einer  Gestalt,  an  der  seine  Epigonen  wohl  im  Detail  bessern,  durcharbeiten, ­
  verstärken  konnten,  der  sie  aber  kein  wesentliches  Organ  mehr  anzufügen  hatten.
Das  neue  Rüstzeug  der  Zivilisation  ist  fertig  aus  seiner  Hand  hervorgegangen.
Der  16.  September  1830,  der  Tag  der  Eröffnung  der  Liverpool-  und  Manchester-Bahn, ­
  sollte,  wie  in  aller  seiner  Glorie,  so  auch  in  Freud  und  Leid,  ein  verkleinertes ­
  Abbild  der  Zukunft  des  Eisenbahnwesens  werden.  Die  Reduktion  des
Raumes  zwischen  der  größten  Fabrikstadt  und  der  zweitgrößten  Hafenstadt  der  Welt
auf  weniger  als  ein  Viertel  des  früheren,  mit  allen  ihren  unabsehbaren  Konsequenzen,
führte  die  ganze  segenspendende  Gewalt  der  neuen  großen  Erfindung  mit  einem
Schlage  überwältigend  vor  Augen;  dainit  aber  auch  der  düstere  Dämon,  der  in  den
dienstbar  gemachten,  gewaltigen  Kräften  wohnt,  warnend  zur  Erscheinung  komnie,
forderte  er  gleich  am  Eröffnungstage  der  ersten  modernen  Eisenbahn  eines  seiner  kostbarsten ­
  Opfer.  Das  Parlamentsmitglied  H  u  s  k  i  s  s  o  n  wurde  von  einer  Lokomotive
überfahren  und  getötet.
Wie  man  den  Tag  des  Beginns  des  Wettfahrens  zu  Rainhill  (6.  Oktober  1829)
als  den  Geburtstag  der  Lokomotive  feiern  darf,  so  muß  man  die  Schaffung  des
modernen  Eisenbahnsystems  vom  Tage  der  Eröffnung  der  ersten,  mit  schnellfahrenden
Lokomotiven  betriebenen  Linie,  der  Liverpool-  und  Manchester-Bahn,  datieren.  Mit
beiden,  zu  den  denkwürdigsten  in  der  Geschichte  der  Kultur  gehörenden  Tagen  ist  der
Name  Georg  Stephen  sons  unsterblich  verknüpft.
Die  Königin,  der  Adel  und  das  Volk  von  England  haben  ihm  neben  Watt,
Wellington,  Nelson  und  Shakespeare  ein  Denkmal  in  der  Westminsterabtei
  errichtet.
Wie  aber  jedes  dankbare  Volk  die  Waffen,  die  edle  Helden  im  Kampfe  für
das  Vaterland  getragen  haben,  in  seinem  Pantheon  zu  Trophäen  gruppiert,  aufbewahrt, ­
  so  hat  England  zu  Darlington  und  zu  London  die  ersten  Lokomotiven,
welche  Stephenson  erdachte,  im  Namen  der  ganzen  dankbaren  Welt  auf  Postamenten ­
  zu  ewigem  Andenken  ausgestellt,  als  glanzlose,  aber  dennoch  leuchtende
Trophäen  aus  den  Waffen  und  Rüstzeugen,  die  einer  der  siegreichsten  Ritter  vom
Geiste  im  friedlichen,  aber  ernsten  Kampfe  geführt  hat  für  das  höchste  Ziel  der
Menschheit:  die  Zivilisation.

5.  Die  Anfänge  des  Eisenbahnwesens  in  Deutschland.
Von  Gustav  Cohn.

Cohn,  Nationalökonomie  des  Handels  und  des  Verkehrswesens.  Stuttgart,  Friedrich
Enke,  1898.  S.  872—879.
Im  März  1825  weist  der  hochverdiente  Industrielle  Fritz  H  a  r  k  o  r  t  auf  die
englischen  Eisenbahnen  hin  und  empfiehlt  ihre  Nachahmung;  die  Zeitschrift  „Hermann"
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.