Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

28  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

Angestellten  unbedingten  Gehorsam  und  strengste  Pflichterfüllung  verlangte,  —  war
er  darin  doch  am  strengsten  gegen  sich  selbst.  Tag  und  Nacht  beherrschte  ihn  die
Sorge  um  das  Gedeihen  seiner  großen  Schöpfung.  Tatsächlich  verwandte  er  bis  in
die  letzten  Lebensjahre  hinein  schlaflose  Stunden  der  Nacht  zur  Arbeit.  An  seinem
Bette  befand  sich  beständig  ein  Schreibapparat  mit  Papier  und  riesigen  Bleistiften,
so  daß  er  jeden  Gedanken  sofort  fixieren  konnte.  Am  anderen  Morgen  fanden  die
Bogen,  in  seinen  energischen,  großen,  charakteristischen  Schriftzügen  seine  Fragen,
Befehle,  Anregungen  und  Erörterungen  enthaltend,  ihren  Weg  in  die  Fabrik.  Häufig
und  gern  fügte  er  Konstruktionsskizzen  bei,  die  er  mit  rascher  und  sicherer  Hand
hinzuwerfen  wußte.
Wer  von  seinen  Arbeitern  sich  den  Satzungen  und  Geboten  der  Fabrik  nicht
fügen  wollte,  den  traf  unerbittlich  Strafe  und  in  schlimmen  Fällen  die  Ausschließung.
Denn  das  großartige  Getriebe  des  Werkes  erforderte  die  peinlichste  Aufrechterhaltung
und  Beobachtung  der  Ordnung.  Wie  sehr  Alfred  Krupp  auf  der  andern  Seite  ein
Herz  für  jeden  seiner  Arbeiter  hatte,  braucht  hier  nicht  hervorgehoben  zu  werden.
Laut  bezeugen  das  die  fürsorglichen  Einrichtungen,  die  er  als  der  erste  unter  den
deutschen  Fabrikherrn  schon  zu  einer  Zeit  ins  Leben  rief,  da  er  selbst  den  Schwierigkeiten ­
  seiner  Lage  noch  keineswegs  enthoben  war.  Das  würden  auch  viele  Tausende
seiner  Arbeiter  und  Beamten  persönlich  bezeugen  können,  die  sich  niemals  vergebens
an  ihn  wandten,  wenn  sie  ein  besonderes  Anliegen  hatten  und  bei  ihrem  Herrn
vertrauensvoll  Rat,  Hülfe  oder  Unterstützung  suchten.  Diejenigen  seiner  Angestellten,
welche  länger  auf  der  Gußstahlfabrik  beschäftigt  waren,  kannte  er  alle  von  Angesicht
zu  Angesicht.  Noch  bis  in  die  achtziger  Jahre  hinein  pflegte  er  oft  selbst  in  den
Werkstätten  zu  erscheinen,  um  sich  persönlich  davon  zu  überzeugen,  wie  dieser  oder
jener  Auftrag  ausgeführt  wurde.  Als  er  schon  längst  seine  Wohnung  auf  dem
„Hügel"  bei  Bredeney,  anderthalb  Stunden  von  Essen,  bezogen  hatte,  konnte  man
ihn  fast  täglich  frühmorgens  zur  Fabrik  reiten  sehen.  In  seiner  dunkelgrauen
Klappmütze,  seinem  eng  anschließenden  Jackett  und  den  hohen  Reiterstiefeln  hätte
man  den  großen  schlanken  Mann  mit  dem  scharfen  Auge  und  den  feingeschnittenen
geistvollen  Zügen,  mit  der  jugendlich  elastischen  Haltung,  die  den  weißen  Bart  Lügen
zu  strafen  schien,  eher  für  einen  eleganten  Edelmann  vom  Lande  gehalten  als  für
den  Beherrscher  jenes  großartigen  Gemeinwesens,  welches  der  Prinz  Napoleon  im
Jahre  1867  nicht  unrichtig  als  einen  „Staat  im  Staate"  charakterisiert  hatte.
Der  „Staat  im  Staate",  dazu  hatte  sich  die  Essener  Gußstahlfabrik  in  der  Tat
unter  des  Meisters  scharfblickendem  Verstände  und  einem  unvergleichlichen  Organisationstalent ­
  in  Zeit  von  kaum  zwanzig  Jahren  entwickelt.  Aber  dieser  Musterbau  der
Technik  nahm  nicht,  wie  der  Napoleonide  befürchtet  hatte,  eine  Sonder-  oder  parti»
kularistische  Stellung  dem  Gesamtstaat  gegenüber  ein,  sondern  fügte  sich  als  ein
lebendiges  Glied  eng  dem  politischen  und  kommunalen  Organismus  an,  aus  dem
er  hervorgegangen  war,  und  der  ihn  umgab.  Das  preußische  und  das  deutsche  Vaterland ­
  konnten  allezeit  sicher  sein,  daß  die  Kruppsche  Fabrik,  fern  davon,  ein  Herd
politischer  oder  sozialer  Unruhen  zu  werden,  —  wie  es  im  Jahre  1848  die  aus
ähnlichen  kleinen  Anfängen  hervorgegangene  Lokomotivfabrik  von  Borsig  in  Berlin
gewesen  war  —  durch  ihre  vorzügliche  Ordnung,  durch  die  Zufriedenheit  ihrer  Arbeiter
und  durch  den  mächtigen  Geist  ihres  Leiters  vielmehr  einen  der  stärksten  Halte
gegen  Umtriebe  und  Umsturzbewegungen  aller  Art,  für  die  Beobachtung  der
Gesetze  und  für  treue  Anhänglichkeit  an  Kaiser  und  Reich  darbieten  würde.  Mochten
an  anderen  Orten  im  Laufe  der  Zeit  hin  und  wieder  Ausschreitungen  nicht  zu  den
Seltenheiten  gehören,  hier  im  Mittelpunkte  der  rheinisch-westfälischen  Großindustrie
zerschellte  jeder  Versuch  einer  derartigen  Bewegung  an  dem  festen  Gefüge  des  von
Krupp  geschaffenen  Gemeinwesens.
            
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