Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

578  Fünfter  Teil.  Verkehr.  IV.  Binnen-  und  Seeschiffahrt.

das  Arbeitsfeld  vor  dem  Beschauer  entrollen.  Die  Hamburg-Amerika  Linie  betätigt
sich  auf  allen  Gebieten  des  Seetransports:  sie  pflegt  den  vornehmen  Kajüts-  wie  den
massenhaften  Auswandererverkehr,  sie  ist  die  einzige  Reederei,  die  aus  der  Seetouristik
ein  Spezialgebiet  ihres  Erwerbs  gemacht  hat  (wie  sie  denn  auch  die  eigentliche  Entdeckerin ­
  und  Bahnbrecherin  auf  diesem  ganz  modernen  Verkehrsgebiete  ist);  sie  stellt
ihre  Schiffe  einem  ausgedehnten  Post-  und  Güterverkehr  zur  Verfügung:  sie  hat  oftmals ­
  Gelegenheit  gehabt,  umfangreiche  militärische  Transporte  an  Truppen,  Pferden,
Maultieren  und  Kriegsmaterialien  auszuführen.  Im  Jahre  1911  sind  unter  der
Hapag-Flagge  365  393  Personen  über  die  Weltmeere  gefahren  und  7  286  600  ebm
Güter  mit  Hilfe  ihrer  Dampfer  zwischen  den  Erdteilen  ausgetauscht  worden.  Die
Einnahmen,  die  der  Gesellschaft  aus  diesen  Transporten  und  ihrem  laufenden  Betriebe
im  gleichen  Jahre  zugeflossen  sind,  summierten  sich  auf  43  799  000  Jl  Reingewinn,
wovon  11250  000  Jl  als  9  %ige  Dividende  an  die  Aktionäre  des  Unternehmens  ausgeschüttet ­
  werden  konnten.
Um  den  viel  bewunderten  Aufstieg  der  Hamburg-Amerika  Linie  in  den  letzten
25  Jahren  zu  begreifen,  muß  man  vor  allen  Dingen  den  Vorsitzenden  der  Direktion,
AlbertBallin,  und  seine  hauptsächlichsten  Mitarbeiter  in  ihren  Schiffahrts-  und
wirtfchaftspolitifchen  Taten  und  Plänen,  in  ihren  persönlichen  Eigenschaften  und  kaufmännischen ­
  Fähigkeiten  kennen.  Die  allgemeinen  politischen  Zustände,  die  Handelsund ­
  Verkehrsverhältnisse  dieser  Periode,  die  Fortschritte  des  englischen  und  deutschen
Schiffbaues  sind  die  wichtigsten  Bausteine,  aus  denen  ein  kluger  und  kühner  Geist
die  Erfolge  der  Gesellschaft  türmen  konnte.  Schiffbau,  Schiffahrt,  Handel  und  Verkehr
haben  einander  nie  inniger  befruchtet  als  in  dieser  Zeit,  wo  die  deutsche  Schiffbaukunst ­
  ihre  weltbekannten  Meisterwerke  schuf,  der  Warenhandel  zwischen  Hamburg  und
Übersee  auf  mehr  als  das  Doppelte  seines  gewaltigen  Wertes*)  stieg,  der  Passagierverkehr ­
  den  einst  gefürchteten  Seeweg  zu  einer  Straße  des  Vergnügens  umgewandelt
sah  und  die  Hamburg-Amerika  Linie  alle  drei  gleichermaßen  anregte  und  für  sich
nutzbar  machte.  Dabei  vergrößerte  die  Gesellschaft  den  Umfang  ihrer  Leistungen  nicht
einfach  nach  dem  Verhältnis  des  wachsenden  allgemeinen  Güter-  und  Passagierverkehrs, ­
  sondern  sie  zog  mit  erstaunlicher  Energie  und  mit  ausgezeichnetem  Glück  einen
immer  größeren  Prozentsatz  dieser  Güter-  und  Menschenbeförderung  an  sich.
Die  geistigen  Mächte,  die  eine  solche  Entwicklung  auf  dem  Felde  internationalen
Wettbewerbs  herbeizuführen  vermochten,  sind  vor  allem  eine  bahnbrechende  Schaffensfreudigkeit, ­
  die  jeden  Augenblick  nachdrücklich  zu  handeln,  gegebene,  auch  unerwartete
und  vielleicht  unerfreuliche  Situationen  blitzschnell  auszunützen  vermag,  eine  klar-  und
weitblickende  Organisationsfähigkeit,  die  wechselnden  und  vielseitigen  Bedürfnissen
entgegenkommt  und  nirgends  pedantisch  versteinert,  eine  überlegene  und  solide  Geschäftsklugheit, ­
  die  auch  ihre  Grenzen  klar  erkennt  und  sich  nach  keiner  Seite  hin
Blößen  gibt.  So  viel  wesentlich  Neues  wie  unter  Ballins  Leitung  wissen  die  Jahresberichte ­
  keiner  vorhergehenden  Periode  zu  erzählen.  Die  Schiffsneubauten  eines
einzelnen  Jahres  sind  von  dieser  Zeit  an  oft  und  öfter  größer  als  die  gesamte  in
Fahrt  befindliche  Flotte  in  den  achtziger  Jahren.  Jedes  Jahr  bringt  neue  Entwicklungsprobleme, ­
  neue  fertige  Taten,  neben  wachsenden  regulären  Einnahmen  größere
oder  kleinere  Extragewinne.  Und  wenn  sich  im  Laufe  der  25  Jahre  selbstverständlich
auch  nicht  jede  neue  Linie  ohne  weiteres  rentierte,  nicht  jede  Absicht  glänzende  Erfolge
zeitigte,  nicht  jeder  Plan  nach  seiner  ursprünglichen  Richtung  fortgeführt  werden
konnte;  wenn  auch  böse  Schicksalsschläge,  wie  das  Cholerajahr  von  1892  und  die
Jahre  ihrer  Nachwirkungen,  Tiefstand  der  Frachtsätze  auf  wichtigen  Routen,  allge-*)

  Ein-  und  Ausfuhr  seewärts  über  Hamburg  bewerteten  sich  im  Jahre  1910  zusammen
auf  6939  Millionen  Jl.
            
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