32 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
Zurückhaltung gekannt, ich glaube, sie wären nicht fähig gewesen, ihm unlautere
Gründe zu unterstellen. Ihm, der so ungern in die Öffentlichkeit trat, wurde vorge
worfen, er wirke aus egoistischen Gründen für eine Vermehrung der deutschen Flotte
und für eine Vergrößerung des Geschützparkes der Artillerie; Tag auf Tag wurde
die Anklage wiederholt: „Krupp schreibt, um neue Lieferungen zu erlangen, in Sachen
der Flottenvermehrung," Krupp empfiehlt, behufs neuer Kanonenbestellungen, nach
folgende Veränderungen der Artillerie usw.", während er an keinem dieser Zeitungs
artikel irgendwie beteiligt war. Das hat ihn tief verwundet, und das war mit
dafür maßgebend, daß er in den letzten Jahren die Zeit seiner Abwesenheit vom
Hause „Hügel" mehr und mehr ausdehnte, und daß er u. a. auch längeren Aufenthalt
in Kapri nahm, um dort der Erholung und wissenschaftlicher Beschäftigung in der
Tiefseeforschung zu leben, einem Gebiete, das er durchaus nicht nur als Dilettant
behandelte, wie zahlreiche Museen, mit denen er in Korrespondenz stand, gerne be
zeugen werden.
Wer Krupp näher gekannt hat, wer in die Güte und Tiefe seines Herzens, in
die Freundlichkeit und Bescheidenheit seines Wesens einen Blick zu tun Gelegenheit
hatte, der wird wissen, wieviel wir an ihm verloren haben. Er war eine edle, feine,
wahrhaft vornehme und deshalb in erster Linie überall ohne irgendwelche selbst
süchtige Motive hilfsbereite Natur. In wie vielen Fällen, die mir persönlich durch
die Beteiligten bekannt geworden sind, hat er auf kaufmännischem, auf industriellem,
auf wissenschaftlichem und auf künstlerischem Gebiete geholfen, wo Hilfe notwendig
war, oder wo er selbst das Bedürfnis sah, auch ohne daß andere es ihm nahe gelegt
hätten! Wenn diese Fälle nicht zur Kenntnis weiterer Kreise kamen, so lag der
Grund nur in dem dringenden Wunsche Krupps, daß über solche Dinge überhaupt
nicht gesprochen werde, ein Wunsch, der auch an dem heutigen Tage seiner Toten
feier in Ehren gehalten werden soll. Und dabei war Krupp eine unendlich dank
bare Natur. Für den kleinsten Dienst, der ihm erwiesen wurde, für Aufmerksam
keiten, die viele andere als selbstverständlich ihrer Person und Stellung gegenüber
betrachten, hielt er nie mit seinem Danke zurück, und das Beste an diesem Danke
war, daß man merkte und fühlte, er komme wirklich aus dem Grunde seines Herzens.
14. Der Kongreß Deutscher Volkswirte.
Von Viktor Böhmert.
B ö h m e r t, Rückblicke und Ausblicke eines Siebzigers. Dresden, O. V. Böhmert, 1900.
S. 16—20.
Das Jahr 1857 wurde für mich dadurch ganz besonders bedeutungsvoll, daß
ich am 23. Mai 1857 im Bremer Handelsblatte in einer einsamen Stunde ganz aus
mir selbst heraus, ohne mit den Unternehmern des Handelsblattes oder mit Freunden
meiner Richtung Rücksprache zu nehmen, einen „Aufruf zu einem Kongresse deutscher
Volkswirte" veröffentlicht hatte. Diesen Aufruf, den ich mit Briefen an die Redak
tionen von etwa zwanzig größeren deutschen Zeitungen geschickt hatte, wurde in
noch viel mehr Blättern teils vollständig, teils im Auszug veröffentlicht und vielfach
günstig besprochen. Er bildete den Anfang einer Bewegung für volkswirtschaftliche
Reformen und machte mich plötzlich zum Agitator, ohne daß ich bei der Veröffent
lichung des Aufrufs dies geahnt hatte; es war jedoch an ein Zurückweichen meiner
seits nicht zu denken, denn nicht nur viele Redakteure, Kaufleute und Gewerbe
treibende, sondern auch hohe Beamte und Politiker, wie der Regierungspräsident