5. Der Petroleumtrust und der Stahltrust.
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Erfolg nicht, und das verleiht ihm eine selbstbewußte Charakterstärke ohnegleichen.
Der amerikanische Geschäftsmann überlegt sich reiflich und lange, ehe er auf ein An
gebot eingeht; hat er es aber getan, so ist er mit ganzem Herzen bei der Sache, und
man hat an ihm einen tatkräftigen Mitarbeiter von unbedingter Zuverlässigkeit ge
wonnen. Selbstverständlich trifft diese Schilderung nicht auf jeden einzelnen zu; sie
zeichnet aber das geschäftliche Leben im ganzen, wie es sich mir in den maßgebenden
Kreisen der wirtschaftlichen Welt der Vereinigten Staaten dargestellt hat.
Man spricht mit Unrecht von einer Nervosität des erwerblichen Hastens auf der
andern Seite des Ozeans. Das Gegenteil ist der Fall. Nur unendliche Regsamkeit
nimmt man dort wahr, angestrengten Fleiß und immer wieder Fleiß: aber die Nerven
der Fleißigen sind wie von Stahl und unzerrüttbar.
5. Der Petroleumtrust und der Stahttrust.
Von Robert Liefmann.
L i e f m a n n, Kartelle und Trusts und die Weiterbildung der volkswirtschaftlichen
Organisationen. 2. Ausl. Stuttgart, Ernst Heinrich Moritz, 1910. S. 121—125.
Vorbemerkung. Liefmann a- a. O. S. 115—116: „Während die ursprünglichen
T r u st s alle zu monopolistischen Zwecken geschlossen wurden, ist das bei den Bildungen, die
man jetzt als Trusts bezeichnet, längst nicht mehr immer der Fall.... — Wir haben zwei
ganz voneinander verschiedene Entwicklungsreihen zu unterscheiden, die in den Trusts zu
sammentreffen: 1. Die Bildung vertragsmäßiger monopolistischer Vereinigungen,
Kartelle; 2. die finanzielle Zusammenfassung mehrerer Unternehmungen zu einer
einzigen, die wieder a) in Form der Fusion, bei welcher die früheren Unternehmungen
als solche sich auflösen, b) in Form der K o n t r o l l g e s e l ls ch a f t, bei welcher die Mehrheit
ihrer Effekten durch eine einzige neue Gesellschaft erworben wird, erfolgen kann. — Diese
Fusionsunternehmungen und Kontrollgefellfckaften brauchen nicht monopolistischer Natur zu
sein .... Wenn aber eine solche Gesellschaft den größten Teil der vorher konkurrierenden
Unternehmungen in der einen oder anderen Form vereinigt hat, so daß die Fusionsunter
nehmung oder Kontrollgesellschaft eine monopolistische Stellung hat, so ist eine solche Gesell
schaft auch gleichzeitig die höchste denkbare Stufe der monopolistischen
Vereinigungen überhaupt.... Im Gegensatz zu den Kartellen, die auf rein
vertragsmäßiger Grundlage beruhen, ist also hier eine Monopolstellung auf Grund einer
Besitzgemeinschaft geschaffen." — G. M.
Von den „Trusts" haben insbesondere der Petroleumtrust und der
S t a h l t r u st auch in Europa die Aufmerksamkeit aus sich gelenkt.
Ersterer, die Standard Oil Company of New Jersey ist eine
Holding Company (Effektenhaltungs- oder Kontrollgesellschaft), die zirka 63 ameri
kanische Gesellschaften und eine große Zahl von Verkaufsgesellschaften in anderen
Staaten kontrolliert. Sie ist eine monopolistische Kontrollgesellschaft. Denn wenn
sie auch selbst in Amerika kein absolutes Monopol hat, — ihr größter Gegner ist dort
die Pure Oil Company — so kontrolliert sie doch zirka 90 % der amerikanischen
Produktion. Sie hat in bewunderenswürdiger Weise die Verarbeitung und den
Absatz ihrer Produkte in allen Teilen der Welt organisiert. Sie besitzt eigene Bahnen,
eigene Röhrenleitungen, eigene Transportschiffe, hat in allen Ländern ihre Petro
leumtanks und ihre Petroleumwagen, in vielen eigene Raffinerien. Sie hat überall
den Verkauf entsprechend den besonderen Verhältnissen jedes Landes bis hinaus zum
Detailverkäufer organisiert. Sie produziert alle Hilfsprodukte, alle Fässer, Kannen,
Pumpen, Destillierapparate selbst und verarbeitet auch alle Nebenprodukte. Mit
ihren wichtigsten europäischen Konkurrenten, den russischen und rumänischen Produ-