624 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
Stimmung Südamerikas ist auch eher Europa als dem großen Bruder zugeneigt,
dessen Fürsorge zugleich etwas Beängstigendes hat.
Und ähnliches wie für Südamerika gilt auch für den Einfluß des Panama
kanals auf die Weltwirtschaft überhaupt. Es ist ein nützliches, ja notwendiges
Unternehmen, das die schmale Landenge, welche die beiden Weltozeane voneinander
trennt, und auf welche die Völker seit der Entdeckung als auf ein zu beseitigendes
Verkehrshindernis geblickt haben, endlich einmal durchbrochen werde. Es entsprach
aber im Grunde der Natur der Dinge, daß dieses Werk nunmehr den Amerikanern
als eine sie überwiegend betreffende Angelegenheit überlassen wurde. Dabei dürfen
wir allerdings nicht vergessen, daß trotzdem Europa ein vitales Interesse daran hat,
daß die neue große, internationale und interkontinentale Meeresstraße nicht durch
prohibitive Gebühren nur der amerikanischen Volkswirtschaft und nicht durch sperrende
Kanonen der imperialistischen Machtpolitik eines Landes ausschließlich dienstbar
gemacht werde. Der Panamakanal muß streng neutral bleiben. Dafür zu sorgen,
ist die Aufgabe der europäischen Politik, namentlich der Hauptseefahrerstaaten.
IS. Das amerikanische Schutzsystem.
Von August Sartorius Frh. v. Waltershausen.
Sartorius v. Waltershausen, Deutschland und die Handelspolitik der Ver
einigten Staaten von Amerika. Berlin, Siemenroth & Troschel, 1898. S. 20—23.
Das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika blickt heute auf eine mehr als
hundertjährige Geschichte seines Zollwesens zurück. Drei selbständige Gedanken, hinter
denen die wichtigsten materiellen Interessen standen, haben dieselbe im wesentlichen
bestimmt. Zuweilen wirkten sie, wenigstens in beschränktem Maße, zusammen, in
der Regel stritten sie gegeneinander; und dann hat bald einer, bald ein anderer von
ihnen den Ausschlag gegeben. Der erste ist finanzieller Natur. Die Staatsform des
Landes ist die eines Bundesstaates, welcher sich ein inneres Freihandelsgebiet ge
schaffen hat und daher die Verwaltung der Zölle in die Hand nehmen mußte. Es
verstand sich damit von selbst, daß er die so erzielten Einnahmen zur Deckung seiner
Ausgaben benutzte und sie durch die eng mit ihnen verbundenen inneren Verbrauchs
steuern ergänzte. Die finanziellen Bedürfnisse der Union haben daher nicht nur bei
allen Tarisgesetzen ein wichtiges Wort mitgesprochen, sondern sie sind oft genug das
gestaltende Element gewesen.
Die beiden anderen das amerikanische Zollwesen führenden Gedanken liegen auf
dem Gebiete der Wirtschaftspolitik, welche einerseits den Rohstoffexport, andererseits
die Jndustrieentwickelung zu fördern sich stets von neuem veranlaßt sah. Die Staats
männer der Vereinigten Staaten haben daher zwei handelspolitische Aufgaben neben
einander zu lösen gehabt, welche auch heute im östlichen Europa Rußland und Ungarn
gestellt sind. Der Gegensatz zwischen agraren und industriellen Interessen besteht
ja auch in Westeuropa, aber während z. B. in England, das im Besitze seiner Kolo
nien und einer Kriegs- und Handelsflotte ersten Ranges war, die einflußreiche
Stellung der Landwirtschaft der weltwirtschaftlichen Jndustriesuprematie allmählich
weichen mußte, oder während in neuerer Zeit Deutschland nur den agrarischen Schutz
neben der Ausbildung der Industrie auszugestalten für gut fand, mußten die Ame
rikaner dauernd mit dem Doppelwesen eines Wirtschaftsgebietes rechnen, welches bald
im Lichte eines aufstrebenden Industriestaates, bald in dem eines Ausfuhrgebietes
von Roh- und Hülfsstoffen der Produktion schillerte.