Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

64 Zweiter Teil. Handel. II. Der Handel im allgemeinen. 
die entweder überhaupt nicht in England hergestellt werden, oder die doch wesentlich 
billiger oder besser sind als die konkurrierenden englischen Erzeugnisse, während sie 
vordem, wenn deutsche Reisende zu ihnen kamen, wohl auch andere Artikel mit 
nahmen. 
Damit sind die Engländer wieder mehr oder weniger zu der Praxis zurückge 
kehrt, die sie jahrhundertelang befolgt haben, die dagegen in Deutschland, wegen dessen 
unglücklicher politischer und wirtschaftlicher Entwickelung, jahrhundertelang nicht be 
folgt werden konnte. Der deutsche Handel hat sich seit dem 16. Jahrhundert gesondert 
von der übrigen Produktion, ja zum Teil in unverkennbarem Gegensatze zu dieser 
entwickelt, weil es keinen deutschen Staat gab, der imstande war, alle Produktivkräfte 
zusammenzufassen, und ohne den auch kein derartiges Nationalgefühl entstehen konnte, 
wie es die Engländer schon so lange besahen, kein Nationalgefühl, das stark genug ge 
wesen wäre, um neben dem notwendigen Selbstinteresse den Kaufmann bei seinem 
Geschäftsbetriebe wesentlich mit zu beeinflussen. 
Das ist jetzt glücklicherweise anders geworden, und schon zeigen sich die segens 
reichen Folgen; schon mehrt sich die Zahl der deutschen Kaufleute, die mit leuchtenden 
Augen davon berichten, daß sie draußen in der Welt den deutschen Erzeugnissen 
neue Anerkennung, neuen Absatz verschafft haben. Erst damit erlangt der Handel in 
der deutschen Volkswirtschaft jene Pionier- und Führerrolle, die ihm von Natur 
gebührt, und die er in England seit alters gehabt hat. 
Diese Führerrolle hat er aber noch in mannigfacher anderer Hinsicht zu be 
tätigen. Ich erinnere nur an die deutsche Auswanderung. Hier gilt es, wieder 
anzuknüpfen an die beste Zeit des deutschen Bürgertums, an die Blütezeit unserer alten 
Städte. Wie jetzt, so strömten auch damals schon große Scharen von Deutschen ins 
Ausland, Angehörige aller Stände, Ritter, Bürger und Bauern; aber die wirt 
schaftliche Führung hatten die Bürger in Händen, im Norden wie im Süden. 
Dort übten die Hansakaufleute nicht nur zeitweilig eine wirtschaftliche Herrschaft über 
die schwach kultivierten Nachbarländer aus, sondern — was weit mehr bedeutet — 
sie trugen auch durch ihre Städte die deutsche Kultur dauernd bis ins Herz der 
Slavenländer. 
Die Städte des ostelbifchen Deutschlands sind derart Mittelpunkte deutschen 
Lebens geworden, daß ohne sie Deutschland ganz gewiß nicht von Preußen hätte 
geeint werden können. Ähnlich wirkten die oberdeutschen Kaufleute bei der Koloni 
sation Österreichs. Wenn Preußen und Österreich zu Großmächten erwachsen sind, 
so danken sie dies nicht an letzter Stelle jener kolonisatorischen Mitarbeit deutscher 
Bürger; diese bildeten den wahren „Mittelstand", der es verhinderte, daß die Ge 
sellschaft in Herrschende und Unterjochte zerfiel, was früher oder später, wie in Polen, 
den Untergang des Staatswesens zur Folge gehabt hätte. Gerade darin haben wir 
den Hauptunterschied deutschen und slavischen Wesens zu erblicken, daß jenes sich als 
fähig erwiesen hat, eine eigene bürgerliche Kultur zu schaffen, was den Slaven 
bis zum heutigen Tage noch nicht gelungen ist. 
Die deutschen Bürger schufen ferner in ihren Städten glänzende, nach manchen 
Richtungen noch jetzt unerreichte V o r b i l d e r für die spätere Siaatenbildung. 
Die Schätze praktischer Staatsweisheit, welche die Ratskollegien der alten deutschen 
Städte aufspeicherten, harren zum großen Teil noch jetzt der Ausnutzung, ebenso wie 
die politischen Traditionen derjenigen Städte, die ihre Freiheit in die Neuzeit zu 
retten vermochten; und überall war hier der kaufmännische Geist der eigentliche 
Träger des Gemeinwesens. 
Was ist es denn vor allem, was unsere Blicke immer von neuem nach jener großen 
Zeit des deutschen Bürgertums hinlenkt? Es ist die Kraft des Gemeinsinnes ein 
facher Bürger, ihres hellen Verstandes, ihrer Freiheitsliebe und des damit untren»-
	        
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