Die Gruppe der Historiker
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zu schlußfolgern, ist für den an konkreteres Denken gewöhnten
Franzosen dringender, als für den deutschen Gelehrten. Levas
seur tut es denn auch mit großem Nachdruck, wenn auch
stets weitherzig und auf Mäßigung bedacht. Sein Glaubens
bekenntnis , wie er zu sagen pflegt, gipfelt in folgenden Leit
sätzen: „Ich gehöre der liberalen Schule an, derjenigen, welche
man manchmal die klassische und unzutreffend die orthodoxe
nennt. . . . Mein Liberalismus ist durch die Geschichte erleuchtet
und gemäßigt; er weiß, daß die Bedürfnisse eines Volkes und
seine Institutionen mit dem Zustand der Kultur wechseln und
wechseln müssen. Ich glaube, daß einerseits das Individuum
durch seine Arbeit, seine Wissenschaft und seine Kapitalien der
wesentliche Schöpfer des Reichtums ist, und daß es notwendig
ist, ... ihm die größtmögliche Freiheit und den vollen
Besitz der Resultate seiner Anstrengungen zu belassen, um so
die ergiebigste Produktion und die gerechteste Verteilung zu
erreichen. . . . Andererseits hat der Staat die nach der Zeitlage
in ihrer Anwendung wechselnde, aber immer bedeutende Auf
gabe, nicht nur den Aufschwung der individuellen Tätigkeit
durch Gewährleistung der Sicherheit zu fördern, sondern auch
dieselbe zu unterstützen, anzuregen, zu schützen, in gewissen
Fällen durch die Mittel der staatlichen Zwangsgewalt zu regle
mentieren. . . . Ich wiederhole, so oft ich Gelegenheit dazu habe,
daß der Mensch das « und « alles Wirtschaftens ist, daß die
produktiven Kräfte kostbarer sind, als die Produkte . .., daß
die politische Ökonomie eher eine soziale und ethische denn
eine Naturwissenschaft ist, weil sie nicht nur den Reichtum, der
Materie ist, zum Gegenstand hat, sondern insbesondere von den
Beziehungen der Menschen untereinander handelt, insofern diese
den Austausch von Gütern und Diensten betreffen" x ).
1 ) Levasseur L’Ouvrier Américain, Bd. I, p. XIII, XIV ; Histoire des
classes ouvrières et de l’industrie en France de 1789 à 1870, Bd. I, p. XIVJ
Art. Trente-Deux Ans d’Enseignement au Collège de France, in: Revue Inter
nationale de l’Enseignement, XL, p. 24—25. Noch ausdrücklicher ist das Be
kenntnis zum historischen Relativismus in folgender Stelle: „Es ist mir nicht
unbekannt, daß in der Praxis die liberale Wirtschaftstheorie weit entfernt ist,
allein zu herrschen, ja daß sie den Anspruch nicht erheben darf, alle verschie
denen Interessen, welche die Menschen bewegen und sich den Einfluß auf die
Regierungen streitig machen, zu meistern. Um so weniger würde es angehen,
in der Geschichte die Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte am Maßstabe