Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
peraments, wie z. B. die Behauptung, der Sozialismus sei aus 
schließlich rationalistisch, der Individualismus ausschließlich 
empirisch, nicht dem Meister zur Last legen darf, leuchtet wohl 
hinreichend ein. Offenkundig ist aber auch, daß das Ganze 
des Deschamps sehen Individualismus noch ein unfertiger 
Bau ist : es ist noch mehr Tendenz als abgeschlossene Doktrin. 
Greifbare Elemente dieser Tendenz sind etwa : es ist an der 
Zeit, gegen das beständige Vordringen des Interventionismus 
und Sozialismus in Politik und Wissenschaft Front zu machen; 
der französische Liberalismus ist zu schwach dazu, darum ist 
ein Individualismus zu wecken, der sich an das englische Bei 
spiel eng anlehne; alle nur irgendwie auftreibbaren Kräfte sind 
um dessen Fahne zu sammeln; damit er als Weltanschauung 
und als wissenschaftliches System erfolgreich bestehen könne, 
muß ihm außer dem philosophischen Fundament, das er im 
XVIII. Jahrhundert findet, eine empirische Grundlegung mit 
allen Mitteln der modernen Wissenschaft gegeben werden; als 
Korrektiv am Individualismus des XVIII. Jahrhunderts ist die 
universelle Tatsache der Solidarität einzuführen, deren Erkennt 
nis eine dem genossenschaftlichen Zusammenschluß freundliche 
Politik bedingt; jegliche Politik muß aber letztlich auf die Ver 
vollkommnung des Individuums hinzielen, denn nur durch diese 
wird die möglichste Anpassung an die wirtschaftlichen und gesell 
schaftlichen Naturgesetze und damit der Fortbestand und Fort 
schritt der Kultur gesichert. 
Es liegt ein Widerspruch darin, einerseits mit der fran 
zösischen liberalen Schule tabula rasa zu machen, deren Ver 
jüngung durch Leroy-Beaulieu und andere zu ignorieren 
und sie durch Mill sehen Individualismus ersetzen zu wollen, 
während man andererseits zur Sammlung aller nichtinterven 
tionistischen Kräfte aufruft. Aber auch dies ist zu einem guten 
Teil eine der temperamentvollen Übertreibungen Schatz’, 
welcher mit jugendlichem Schneid die Herren der Académie 
des Sciences morales et politiques aufs Korn nimmt, 
womit er übrigens viel böses Blut gemacht hat. Deschamps’ 
Art äußert sich eher in dem opportunistischen Zuge, der bei 
Schatz ja wohl auch ab und zu anklingt, und der, ähnlich 
wie bei Leroy-Beaulieu, bei aller nichtinterventionistischen 
Grundstimmung zu gelegentlichem Paktieren mit dem Inter-
	        
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