Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

unbegrenzten  laisser  faire  erwarteten,  ist  natürlich.  Nicht  minder
hielten  die  Vorkämpfer  der  großen,  katholischen  Wohltätigkeitsbewegung ­
  der  40er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  :  de  Gérando,
de  Melun,  F.  Ozanam  u.  a.  grundsätzlich  am  Nichtinterventionismus ­
  fest.  Sie  hofften  dem  Pauperismus  durch  eine  umfassende
Organisation  der  privaten  Wohltätigkeit  erfolgreich  begegnen  zu
können  und  traten  außerdem,  im  Gegensatz  zu  den  damals  in
der  klassischen  Schule  und  in  politisch-liberalen  Kreisen  vorherrschenden ­
  Anschauungen,  entschieden  für  Selbsthilfe  der
Arbeiter  und  wirtschaftlich  Schwachen  durch  korporativen  Zusammenschluß ­
  ein.  de  Melun  neigte  wohl  auch  in  seinen
letzten  Lebensjahren  zur  Wiederherstellung  der  Zünfte  *).  Die
Mehrzahl  der  französischen  Katholiken  stand  jedoch,  vor  1870,
auf  seiten  des  wirtschaftlichen  Liberalismus.  Die  spätere  Schule
von  Angers  fand  also  eine  ihr  günstige  Grundstimmung  vor,
die  sie  allerdings  nicht  vor  rapidem  Verfall  zu  bewahren
vermochte.
Die  Schule  von  Lüttich  dagegen,  die  „Catholiques  sociaux"
und  die  „Démocrates  chrétiens“  unserer  Tage,  haben  in  der
Lamennaisgiupņe,  in  dem  Sismondischüler  de  Villeneuve-Bargemont, ­
  und  in  den  christlichen  Sozialisten  :  Bûchez,  Chevé,  Fr.  Huet,
Ott  usw.  Vorläufer  gehabt.  de  Lamennais  und  seine
Freunde,  sowie  de  Villeneuve-Bargemont  verlangten  soziale ­
  Reformen  im  Wege  des  gesetzgeberischen  Eingreifens  des
Staates.  Die  christlichen  Sozialisten  strebten  die  kommunistische
Lösung  des  Verteilungsproblemes  an,  teils  im  Wege  der  Selbsthilfe ­
  der  Arbeiter,  teils  mit  Hilfe  des  Staates.  Das  einigende
Band  aber,  von  Montalembert  und  Lamennais  bis  zur
äußersten  Linken,  ist  der  Gedanke,  Christentum  und  Revolution
zu  versöhnen.  Derselbe  steigerte  sich  bis  zu  dem,  das  Christentum ­
  sei  der  höchste  Ausdruck  der  revolutionären  Prinzipien  und
umgekehrt,  die  Revolution  sei  der  höchste  Ausdruck  des  Christentums. ­
  Diese  Idee  wurde  zwar,  wie  der  utopische  Sozialismus,
durch  die  blutigen  Junitage  des  Jahres  1848  und  durch  den

0  Vgl.  das  Zitat  aus  einer  Rede  de  Meluns  bei  de  Clercq,  Les  Doctrines
Sociales  Catholiques  en  France,  3.  Auf!.,  Bd.  II  p.  10:  „Wir  werden  früh  oder
spät  zu  jenen  alten  Zünften  zurückkehren  müssen,  deren  Aufgabe  es  war,  für  alle
ihre  Mitglieder  gesunden  Menschenverstand,  Klugheit  und  Sittlichkeit  zu  haben."
            
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