Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

204  Die  katholischen  und  verwandten  Richtungen

Bedingung  der  Arbeit;  sie  ist  auch  die  beste  materielle  Grundlage ­
  derselben“  *).  Damit  die  Arbeitsfreiheit  bestehe,  muß  jeder
das  Recht  haben  zu  arbeiten  oder  nicht  zu  arbeiten;  auch
müssen  sämtliche  Berufsarten  allen  offen  stehen.  Greifbar  wird
der  Widerspruch  zu  Bûchez’  Gesellschaftslehre,  welche  der
Ott  sehen  zugrunde  liegt,  wo  dieser  äußert,  die  Gesellschaft
dürfe  die  individuelle  Freiheit  nur  insoweit  beschränken,  als
„die  Erhaltung  der  Gesellschaft  und  das  allgemeine  Wohl  es
verlangen“ 2 ).  Da  wird  also  mit  einem  Male  die  individuelle
Freiheit  das  Primäre 3 ).  Wir  dürfen  eben  nicht  vergessen,  daß
Anschauungen,  die  uns  logisch  schlechthin  unvereinbar  dünken,
in  den  48er  Köpfen  sich  sehr  wohl  miteinander  vertrugen.  Die
unverdaute  Durcheinandermischung  von  christlichen,  liberalen
und  sozialistischen  Sätzen  ist  ja  eben  der  charakteristische  Zug
jener  Sturm-  und  Drangperiode.
Die  Ausgrabung  von  Otts  Lehrbuch  im  Jahre  1892  hat
auf  das  Denken  der  sozialkatholischen  Gruppen  befruchtend
gewirkt.  Die  staatssozialistische  Grundauffassung,  der  gesellschaftliche ­
  Bedürfnisnachweis  und  Otts  Eigentumslehre  fanden
zwar  keinen  Anklang  mehr;  aber  die  wissenschaftliche  Bildung
und  das  Denken  der  hier  in  Betracht  kommenden  Kreise  vertieften ­
  sich  unter  dem  Einfluß  von  Bûchez’  geschichtlicher
Auffassung  des  gesellschaftlichen  Geschehens,  welche  ihnen  Ott
vermittelte.  Der  feudale  Flügel  empfand  den  Neudruck  von
Otts  Werk  als  eine  Stärkung  seiner  Position.  Ihm  gefiel  insbesondere ­
  Bûchez’  und  Otts  warmes  Eintreten  für  genossenschaftliche ­
  Organisation  der  Industrie  und  zwar  für  freie,  reichgegliederte, ­
  von  der  Staatsgewalt  möglichst  unabhängige  Produktivgenossenschaften. ­
  Die  Linke  holte  sich  bei  Bûchez  und
Ott  fast  ihr  ganzes  Programm.

b  ibid.  p.  124.
2 )  ibid.  p.  130.
3 )  Vgl.  M.  Eblé,  loe.  cit.  p.  40—41.
            
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