fullscreen: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Sinzelnen — diese Rechte und Fähigkeiten haben ohne 
Zweifel die erstaunlichen Leistungen der europäischen 
Völker hervorgerufen. Dadurch aber läßt man sich nicht 
abschrecken, nunmehr dem Individualismus Kampf anzu- 
Sagen, ihn als diejenige Idee oder Macht zu kennzeichnen, 
die niedergerungen und überwunden werden müsse, Es 
ist keineswegs nur der Sozialismus, in seiner Gedanken- 
bildung und in seiner praktischen Politik im bezug auf 
Wirtschaft und Staat, der diesen Kampf gegen den Indivi- 
dualisinus aufgenommen hat. 
Es ist eine allgemeine Zeiterscheinung und Zeit- 
Strömung von nachhaltiger Kraft, die dem Indivi- 
dualismus Fehde angesagt hat und ihm; entgegen- 
wirkt. 
Auch die Wissenschaft ist hierbei nicht unbeteiligt. Fast 
die gesamte Soziologie, die sich unter dem bestimmenden 
Einfluß des englischen und französischen Geistes auch bei 
uns als eine besondere Wissenschaft ausgegeben und auf- 
getan hat, arbeitet in dieser Richtung, Kennzeichnend sind 
die Worte des Wiener Soziologen und Nationalökonomen 
Othmar Spann, der in der Einleitung seines Buches 
„Der wahre Staat“ folgendes schreibt: „Unsere Revolution 
und Zeitenwende bedeutet, daß eine alte Ideenrichtung, die 
an der Macht war — der Individualismus — verlassen wird, 
abstirbt und von innen her eine neue Denkweise anhebt, 
ein neuer anderer Weg des Lebens gesucht wird. . Wut 
Daher darf man unsere heutige Zeitenwende, wenn auch 
in umgekehrter Richtung, mit Renaissance und Humanismus 
vergleichen. Auch damals wurde eine erste Abkehr von 
einer alten Denk- und Ideenrichtung gesucht, eine Abkehr 
von dem christlichen Mittelalter, von der Philosophie und 
Lebensauffassung der Scholastik, von dem ständisch- 
scholastischen Kollektivismus und einer Hinwendung zum 
Individualismus auf der, Grundlage der klassischen Bildung: 
die heutige Krise ist eine Gegenrenaissance, die auf 
eine Abwendung vom Individualismus hinzielt, auf eine 
Umwendung des „Weltgeistes‘“, wenn diese Hegelsche 
Bezeichnung erlaubt ist. Nichts Geringeres also wird von 
Spann beantragt, als die gesamte Kulturbewegung seit der 
Renaissance rückgängig zu machen, sich von ihrem wich- 
tigsten- Lebensgrundsatz des Individualismus loszusagen. 
Und ähnliche Aeußerungen treffen wir bei fast allen 
Soziologen an. . 
Es sind hauptsächlich zwei Gedanken, die die Be- 
deutung der Persönlichkeit eigschränken und zurück- 
drängen. Der eine ist der Massengedanke. die Vor- 
Stellung, daß die soziale Umwelt mit der Fülle ihrer Ein- 
fMlüsse und Einwirkungen den einzelnen in seiner 
Selbständigkeit und Eigenart völlig erdrückt. Dies ist 
keineswegs nur ein Glaubenssatz des Sozialismus, nicht 
nur die Forderung einer Parteirichtung, die diese Ver- 
Schiebung. des sozialen Schwergewichts erst verwirklicht 
sehen möchte, von der Zukunft erwartet und darauf hin- 
strebt, In weitem Umfange wird dieser Gedanke von der 
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