310 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart
Ethnographie und Geschichte, insbesondere aber den nach Le
PlayscherMethode oder de Tourvilleschem Schema aufgenommenen
Monographien. Statistisches Material zieht er hin und wieder auch
heran, doch hat er wenig Vertrauen zu demselben. Daß der
Entwicklungsgrad partikularistischer Seinsweise als bestimmende
Ursache der großem oder geringern Blüte eines Volkes hin
gestellt wird, ist für einen Schüler de Tourvilles und Demolins’
selbstverständlich.
Die soziale Frage ist für Poinsard wesentlich eine Er
ziehungsfrage. Die Arbeiterschutzgesetzgebung in den kontinen
talen Ländern Europas, das deutsche Zwangsversicherungssystem,
sind für ihn Symptome des Sinkens des partikularistischen
Geistes, d. h. der persönlichen Initiative. Den Freihandel hält
er für richtig für Länder, in denen ein Produktionszweig un
bedingtes Übergewicht über die andern hat, z. B. Ackerbau in
Rußland und in der Türkei, Industrie und Handel in England.
Wo aber Ackerbau und Industrie nebeneinander bestehen, z. B.
in Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten, scheint
Poinsard der Schutzzoll eher angebracht zu sein. Nicht minder
als in den Werken de Tourvilles und Demolins' tritt bei Poinsard
das deterministische Streben zutage, welches darin besteht, alles
wirtschaftliche und soziale Geschehen möglichst restlos als Natur-
geschehen, als Wirkung von Naturgesetzen, wie sie sich im
Territorium, in der Arbeitsverfassung, in der Eigentumsordnung
usw. in absteigender Bedingtheit äußern, aufzufassen. Poinsard
hält sich jedoch auf höherer Warte als Demolins und verliert
sich nicht in dessen unwissenschaftlichen Spielereien.
Ein Wort noch zur Kritik der Methode und Lehre der
Gruppe.
Le Plays Fragestellung : welches sind die Ursachen der
Blüte und des Siechtums der Völker? ist auch für die Schule
der Science sociale grundlegend geblieben. Aber während
Le Play die Antwort in den Lebensgesetzen der Familie, spe
ziell der „Stammfamilie“ sucht, forscht de Tour vi 11 e nach „den
Gesetzen der verschiedenen Gruppierungen, welche die meisten
Äußerungen menschlicher Tätigkeit unter Menschen notwendig
machen“ *). Immerhin bleibt aber auch für die Anhänger
b H. de Tour ville, La Science sociale est-elle une science? 1. Artikel,
in: Science sociale, Bel. I (1886), p. 20.