Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

320  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Abbé  Gayraud,  Abbé  Six,  Dehon,  Fonsegrive  usw.  verdanken  Ott
und  Bûchez  vor  allem  den  Entwicklungsgedanken,  die  historische ­
  Auffassung  des  Wirtschafts-  und  Gesellschaftslebens.  Dazu
kommen  an  grundlegenden  Ideen  —  vom  Detail  der  Reformforderungen ­
  wird  weiter  unten  zu  reden  sein  —  der  Gedanke
bürgerlicher  und  politischer  Gleichheit  aller,  die  Theorie  des
Rechtes  des  Individuums  auf  Existenz  durch  Arbeit,  das  Postulat
höchstmöglicher  Entwicklung  der  Persönlichkeit  der  größten
Zahl,  die  Forderung,  daß  die  Führung  im  sozialen  Leben  nicht
auf  der  Geburt,  sondern  auf  persönlichen,  intellektuellen  und
sittlichen  Eigenschaften,  auf  persönlicher  Arbeit  beruhen  soll.
Nicht  von  Bûchez,  sondern  von  den  liberalen  Katholiken  der
vorachtundvierziger  Periode,  insbesondere  von  der  Lamennaisgruppe,
  kommt  der  ebenfalls  durch  Ott  vermittelte  Gedanke
der  Priorität  der  Rechte  des  Individuums  über  diejenigen
einer  jeden  sozialen  Gruppierung.
Die  neu  entfesselten  Kräfte  des  niedern  Klerus  hatten  naturgemäß ­
  das  Bedürfnis  kräftigen,  lebensfrohen  Bichauslebens.  Es
dauerte  nicht  lange,  so  schlossen  sich  diese  neuen  Stürmer  und
Dränger  unter  Führung  von  Abbé  Naudet,  Abbé  Gayraud,
Abbé  Six  usw.  zu  einer  eigenen,  links  stehenden  Gruppe  zusammen, ­
  welche  sich  den  Namen  christliche  Demokraten  oder
katholische  Sozialisten  gab.  Sie  entwickelten  bald  eine  rege
Propaganda  in  Presse  und  Kongressen.  Die  Zeitschrift  La  Quinzaine ­
  (Herausgeber:  Fonsegrive)  trat  in  den  Dienst  ihrer  Bestrebungen, ­
  daneben  gründeten  sie  1894  La  Démocratie  chrétienne
(Monatsschrift,  Herausgeber  :  Abbé  Six)  und  La  Justice  sociale
(Tageszeitung,  Herausgeber  :  Abbé  Naudet).  Kleinere  Periodika
mit  beschränktem  Aktionsradius  entstanden  ferner  noch  in
mehreren  Städten  der  Provinz:  Montpellier,  Toulouse,  Lille  usw.
Zwischen  der  Démocratie  chrétienne  und  der  Association
catholique  war  bald  eine  lebhafte  Polemik  im  Gange,  welche  viel
zur  Klärung  des  anfangs  noch  etwas  unsichern  Standpunktes
der  christlichen  Demokraten  beitrug.
In  der  sozialkatholischen  Schule  wirken  also,  seit  dem  Eintritt ­
  der  katholischen  Sozialisten,  drei  verschiedene  Weltanschauungen ­
  zusammen:  1.  der  Standpunkt  der  Gründer  :  die  mittelalterliche ­
  Auffassung  der  hierarchisch  gegliederten  Gesellschaftsordnung ­
  auf  korporativer  Grundlage  ;  2.  der  Standpunkt  der
            
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