Allgemeine Volkswirtschaftslehre
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Landrys Zinstheorie, welche sich als eine Fortbildung
derjenigen von Wieser und Böhm-Beiwerk darstellt, ist nicht min
der subtil und speziös als die der Österreicher. Professor
Gide meint, Landry habe die Zinsfrage durch seine Speku
lationen keineswegs geklärt. Unsere Ansicht geht dahin, dab
er, um die Klippen wirklich zu vermeiden, an denen er vorbei
kommen will, 1. die Frage der Legitimität des Zinses nicht
über den Erklärungsversuchen seiner Tatsächlichkeit vernach
lässigen dürfte, 2. sich vorerst eine breitere historische Funda
mentierung durch Studium des Zinsproblems im Altertum und
Mittelalter sowie in den verflossenen Jahrhunderten der Neuzeit
beschaffen müßte.
Noch viel unbefriedigender als die Zinstheorie ist Landrys
Theorie vom Unternehmer gewinn. In äußerst subtilen Ausfüh
rungen schaltet er vorerst das Kapital, die Geschicklichkeit des
Unternehmers und die Art und Weise der Risikoberechnung
als Quellen des Unternehmergewinnes aus. Als solche gilt ihm
das Seltenheitsmoment des Zusammentreffens von Kapitalien
und Fähigkeiten in einer physischen Person l ). Er macht sich
selbst den Einwurf, daß man Unternehmer sein kann, sowohl
ohne Kapital, als ohne spezielle Fähigkeiten zu besitzen.
Letzteres ist der Fall bei allen unpersönlichen Unternehmungs
formen, also besonders bei den meisten Aktiengesellschaften.
Darauf antwortet er, daß die Unternehmer ohne Kapital oder
ohne spezielle Fähigkeiten immer nur einen verschwindend ge-
bedarfs bezw. der Bereitwilligkeit der Hingabe ein. Er versucht zunächst nach
zuweisen, daß der Zins nicht unregelmäßig (auf einem Markte) schwanken kann,
sondern der Dauer der Anlage proportional sei. Dementsprechend korrigiert er
obige Formel wie folgt: In der Kurve der Nachfrage wird jedes Kapital für
den Zinsfuß figurieren, den es abwerfen kann, wenn man diejenige Anlagedauer
für dasselbe annimmt, welche dessen höchsten Mehrertrag pro Zeiteinheit er
zeugen wird. In der Kurve des Angebots wird jedes Kapital mit dem Zinsfuß
auftreten, den es fordert, wenn man diejenige Anlagedauer für dasselbe annimmt,
welcher das geringste Opfer pro Zeiteinheit von seiten des Kapitalisten entspricht,
ibid. p. 642—643.
b „Um Unternehmer zu sein, muß man zugleich Kapitalien und Fähig
keiten haben; obwohl nun beide relativ sehr verbreitet sind, so ist doch deren
Verbindung relativ selten; deswegen wird der Unternehmer aus der gleichzeitigen
Verwendung beider mehr erzielen, als wenn er sie getrennt verwendet hätte."
Landry, loe. cit. p. 675, und: Le Problème du Profit, p. 14.