Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Sozialpolitik und soziale Gesetzgebung 
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deren Funktionieren zu überwachen. Für den Augenblick ver 
langt Jay: Ausdehnung der bestehenden Arbeiterschutzgesetze 
auf die Handelsangestellten und Familienarbeitsstätten ; Er 
höhung der Altersgrenze für den Eintritt von Kindern in 
Fabriken; Beschränkung der Arbeitszeit für alle Arbeiter auf 
zehn Stunden, Sonntagsruhe, Verbot der Nachtarbeit für Frauen, 
Schutzgesetze für Schwangere und Wöchnerinnen; gesetzliche 
Festsetzung eines Minimallohnes für sämtliche Gewerbe ; strengere 
Handhabung der Arbeiterschutzmaßregeln durch Einstellung 
einer großem Zahl von Gewerbeinspektoren und Verschärfung 
der auf Übertretungen gesetzten Strafen. Sollte wirklich die 
Industrie durch diese Maßregeln geschädigt werden, so müßte 
man dem die dauernde und unersetzliche Schädigung, welche 
die Arbeiter unter den heutigen Zuständen erleiden, entgegen 
stellen und eventuell den geschädigten Industrien durch Prämien 
unter die Arme greifen. Jay glaubt jedoch nicht an diese 
Schädigung der Industrie. Vielmehr erwartet er von durch 
greifender Erhöhung der Löhne, Verringerung der Arbeitszeit 
und den sonstigen von ihm präkonisierten Maßnahmen eine 
Steigerung der Produktivität der Arbeit und eine Vervollkomm 
nung der Technik, welche dem Arbeitgeber sogar Gewinn 
bringen werden. Die sozialkatholische Forderung eines von 
Berufsorganisationen gewählten Parlamentes stützt Jay unter 
anderm mit dem Argument, daß ein solches Parlament geeignet 
sei, gerechtes Empfinden und Achtung vor dem Allgemeinwohl 
in die Arbeiterkreise zu tragen *). 
Daß Raoul Jay bei seinem großen sozialpolitischen Ver 
ständnis ein begeisterter Anhänger des kollektiven Arbeits 
vertrages ist, bedarf wohl keines besondern Hinweises 2 ). Seinen 
radikalen Forderungen legt er durchweg ein gutes und genaues 
Beobachtungsmaterial zugrunde. Jay ist ein Mann, der aus 
langjähriger, enger Fühlung mit Arbeiterkreisen deren Lage, 
Schwierigkeiten und Aspirationen genau kennt ; aus allen seinen 
Schriften spricht tiefe Sachkenntnis und warme Überzeugung. 
] ) Raoul Jay, La Protection legale des Travailleurs, Paris 1904. 
2 ) Raoul Jay, Le Contrat collectif de Travail, Artikel in Revue d'Economie 
politique, 1907, p. 561 ff. und 649 if.
	        
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