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Der Solidarismus
der analogisierenden Soziologie des XIX. Jahrhunderts teure
Idee, daß alle Menschen ein Ganzes bilden, wie die Teile eines
Körpers, war im Altertum schon den Stoikern und dem Apostel
Paulus J ) geläufig. Die Solidarität, welche in der Vererbung der
Tugenden und Laster besteht, war ebenfalls schon den heiligen
Büchern der Religionen des Altertums, wie auch der klassischen
Literatur bekannt.
Im XVIII. Jahrhundert taucht der Solidaritätsgedanke in
der Bedeutung gegenseitiger Abhängigkeit der in Gesellschaft
lebenden Menschen bei Ad. Smith auf. Diese Abhängigkeit rückt
Smith als Ergebnis der von ihm zu klassischer Darstellung ge
brachten allgemeinen Tatsache der Arbeitsteilung in helles
Licht. Im übrigen war der Individualismus der Aufklärungszeit
eher dazu angetan, die Erkenntnis jener gegenseitigen Ab
hängigkeit hintanzuhalten. Die Solidarität aller Gewerbe und
aller Völker als Interessengemeinschaft begegnete uns bei der
Theorie der Absatzwege von J. B. Say. Auch die Biologie be
mächtigte sich des Begriffes und bezeichnete die Teile eines
Organismus als solidarisch, wenn Änderungen, die einer der
selben erleidet, auf die andern rückwirken. Dann kam Auguste
Comte. Ihm gilt der Begriff als seine eigene Erfindung, und
es ist nicht zu leugnen, daß er ihn zum mindesten kraftvoll
synthetisiert hat. „Die neue Philosophie,“ schreibt er, „läßt die
Verbindung eines jeden mit allen unter einer Menge verschie
dener Gesichtspunkte hervortreten, so daß das intime Gefühl
der auf alle Zeiten und Orte sich erstreckenden sozialen Soli
darität unwillkürlich ein familiäres wird“ 2 ). Comte unter
scheidet eine statische und eine dynamische Solidarität und ge
braucht den Begriff sowohl in naturwissenschaftlichem Sinne,
z. B. zur Bezeichnung des Zusammenhangs der Gestirne im
Weltenraum, als in sozialwissenschaftlichem 3 ). Der utopische
Sozialist Pierre Leroux spricht zur selben Zeit von dem „Natur
gesetz der Solidarität“. Von ihm drang der Gedanke zu den
Fourieristen und zu Proudhon, blieb aber in diesem sozialistischen
Milieu vorläufig unentwickelt. Das Wort „fraternité“ hatte 1848
*) Paulus Römerbrief, XII. 4, 5.
*) Auguste Comte, Discours sur l’Esprit positif.
*) Auguste Comte, Cours de Philosophie positive, 3. Aufl., Paris 1869, Bd.
IV, p 252, 270.