Der Solidarismus bei Léon Bourgeois
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daß sie ungemein viel zum Erfolg des Solidarismus Léon Bour
geois’ beigetragen hat. Dennoch bleibt sie sehr anfechtbar.
Professor Gide, für den sie „ein geistvoller Kunstgriff, fast ein
Wortspiel“ ist, macht sehr richtig dagegen geltend, daß Aus
gangspunkt und Schlußfolgerungen Bourgeois’ ihrer nicht be
dürfen. „Die Schuld ist nicht feststellbar,“ meint er, „deren Betrag-
muß erst durch Gesetz bestimmt werden. Warum sie denn nicht
lieber unmittelbar auf das Gesetz (statt auf den Quasikontrakt),
auf die staatliche Gewalt, Gesetze zu machen, gründen?“ J ) Gide
hebt ferner hervor, daß Bourgeois ein erheblicher logischer
Schnitzer unterläuft. Bourgeois stellt nämlich als Forderung
der Solidarität zur Korrektur des sozialen Nullpunktes die Mutuali-
sierung der sozialen Risiken und Vorteile auf. Ganz willkürlich
und unvermittelt heißt es aber dann, daß zwar noch die Risiken,
aber nicht mehr die Vorteile, sondern bloß die Zugangswege zu
den Vorteilen mutualisiert werden sollen. „Warum,“ fragt Gide,
„ist in dem einen Fall die Solidarität eine vollständige, in dem
andern nicht?“ Die Antwort ist leicht: „Die logische Anwen
dung von Bourgeois’ Prinzip würde zum Kommunismus führen,
darum macht er auf halbem Wege Halt“ *). Die Idee selbst der
Mutualisiemng der sozialen Risiken und Vorteile kritisiert Gide
äußerst treffend wie folgt: „Mit der Mutualisiemng der Risiken
und Vorteile sind wir weit vom Quasikontrakt weg angelangt.
Denn etwas anderes ist ein Vertrag oder Quasikontrakt, der auf
der Gleichwertigkeit der Leistungen, auf dem do ut des, gründet,
und etwas anderes ist eine Gegenseitigkeitsgenossenschaft
(mutualité), deren charakteristische Merkmale eben die Idee
einer exakten Gleichwertigkeit der Leistungen ausschließen.
Der Solidarismus, der aus dem Quasikontrakt hervorgeht, führt
zum Individualismus; der Solidarismus, aus dem die Gegen
seitigkeitsgenossenschaft herausführt, weist nach dem Sozialis
mus hin“ 8 ).
Bourgeois stellt, wie wir sahen, ein interventionistisches
Programm auf. Trotzdem erhebt er den Anspruch, nicht zu
den Interventionisten gerechnet zu werden, da er, weit entfernt
die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben auszudehnen, dieselbe
*) CA. Gide et CA. Bist, Histoire des doctrines économiques, p. 683.
*) ibid. p. 682.
3 ) ibid. p. 682.