Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Der Solidarismus bei Léon Bourgeois 
439 
daß sie ungemein viel zum Erfolg des Solidarismus Léon Bour 
geois’ beigetragen hat. Dennoch bleibt sie sehr anfechtbar. 
Professor Gide, für den sie „ein geistvoller Kunstgriff, fast ein 
Wortspiel“ ist, macht sehr richtig dagegen geltend, daß Aus 
gangspunkt und Schlußfolgerungen Bourgeois’ ihrer nicht be 
dürfen. „Die Schuld ist nicht feststellbar,“ meint er, „deren Betrag- 
muß erst durch Gesetz bestimmt werden. Warum sie denn nicht 
lieber unmittelbar auf das Gesetz (statt auf den Quasikontrakt), 
auf die staatliche Gewalt, Gesetze zu machen, gründen?“ J ) Gide 
hebt ferner hervor, daß Bourgeois ein erheblicher logischer 
Schnitzer unterläuft. Bourgeois stellt nämlich als Forderung 
der Solidarität zur Korrektur des sozialen Nullpunktes die Mutuali- 
sierung der sozialen Risiken und Vorteile auf. Ganz willkürlich 
und unvermittelt heißt es aber dann, daß zwar noch die Risiken, 
aber nicht mehr die Vorteile, sondern bloß die Zugangswege zu 
den Vorteilen mutualisiert werden sollen. „Warum,“ fragt Gide, 
„ist in dem einen Fall die Solidarität eine vollständige, in dem 
andern nicht?“ Die Antwort ist leicht: „Die logische Anwen 
dung von Bourgeois’ Prinzip würde zum Kommunismus führen, 
darum macht er auf halbem Wege Halt“ *). Die Idee selbst der 
Mutualisiemng der sozialen Risiken und Vorteile kritisiert Gide 
äußerst treffend wie folgt: „Mit der Mutualisiemng der Risiken 
und Vorteile sind wir weit vom Quasikontrakt weg angelangt. 
Denn etwas anderes ist ein Vertrag oder Quasikontrakt, der auf 
der Gleichwertigkeit der Leistungen, auf dem do ut des, gründet, 
und etwas anderes ist eine Gegenseitigkeitsgenossenschaft 
(mutualité), deren charakteristische Merkmale eben die Idee 
einer exakten Gleichwertigkeit der Leistungen ausschließen. 
Der Solidarismus, der aus dem Quasikontrakt hervorgeht, führt 
zum Individualismus; der Solidarismus, aus dem die Gegen 
seitigkeitsgenossenschaft herausführt, weist nach dem Sozialis 
mus hin“ 8 ). 
Bourgeois stellt, wie wir sahen, ein interventionistisches 
Programm auf. Trotzdem erhebt er den Anspruch, nicht zu 
den Interventionisten gerechnet zu werden, da er, weit entfernt 
die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben auszudehnen, dieselbe 
*) CA. Gide et CA. Bist, Histoire des doctrines économiques, p. 683. 
*) ibid. p. 682. 
3 ) ibid. p. 682.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.