Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

443

auftretenden  Menschen  ergibt,  begegnet  er  mit  dem  Hinweis,
daß  die  nämlichen  Gründe  im  Durchschnitt  vernünftig  denkende
Menschen  zu  den  nämlichen  Handlungen  bestimmen.  Und  er
bekennt  sich  zu  Marshalls  Definition:  „Ein  soziales  Gesetz  ist  die
Feststellung,  daß  eine  bestimmte  Verhaltungsweise  unter  bestimmten ­
  Umständen  von  den  Gliedern  einer  sozialen  Gruppe
erwartet  werden  kann“ 1 ).  Ja,  die  Gewißheit  der  Voraussicht  ist
sogar  häufig  größer  in  wirtschaftlichen  Dingen,  als  beim  Naturgeschehen.
  „Man  kann  das  Eintreten  einer  Handelskrise  länger
vorher  sagen,  als  das  Losbrechen  eines  Zyklons,  und  der  Verkehr ­
  auf  der  Eisenbahn  von  Lyon  nach  Marseille  ist  weniger
veränderlich  als  die  Wassermenge  des  Rhône,  dessen  Ufern  entlang ­
  die  Bahn  fährt  :  dennoch  wird  diese  von  Menschen,  der  Fluß
aber  vom  Himmel  gespeist“  2 ).  Wenn  jedoch  im  allgemeinen
unsere  Voraussicht  in  wirtschaftlichen  Dingen  wie  bei  vielen
Naturerscheinungen  immer  kurzsichtig  und  unsicher  ist,  so  ist
der  Grund  dafür  nicht  die  Freiheit  des  menschlichen  Willens,
sondern  unsere  mangelhafte  Kenntnis  der  Ursachen  der  Erscheinungen ­
  3 ).
In  der  Wertlehre  ging  Gide  ursprünglich  von  der  Anschauung ­
  aus,  der  Wert  eines  Gutes  werde  durch  die  zu  dessen
Herstellung  benötigte  Arbeit  bestimmt.  Eigene  Tatsachenbeobachtung ­
  sowohl,  als  das  Bekanntwerden  mit  den  Werken
der  Österreicher  und  Paretos,  brachten  ihn  jedoch  der  Theorie
vom  Grenznutzen  immer  näher.  Heute  entscheidet  er  sich  finden ­
  Standpunkt  Marshalls,  der,  davon  ausgehend,  daß  die  wirtschaftlichen ­
  Güter  als  Bedürfnisbefriedigungsmittel  und  als
Resultat  von  Arbeit  anzusehen  sind,  die  Grenznutzen-  und  die
Arbeitstheorie  nebeneinander  bestehen  läßt 4 ).
J )  A.  Marshall,  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  übersetzt  von  Ephraim
und  Salz,  Stuttgart  1905,  Bd.  I,  p.  87.
*)  Ch.  Gide  loe.  cit.  p.  7.
8 )  ibid.  p.  8.
4 )  Vgl.  Marshall,  loe.  cit.  II.  Buch,  p.  98  ff.  —  Folgende  Stellen  aus
Gides  jüngstem  Werk  veranschaulichen  seine  nunmehrige  Stellungnahme  in  der
Wertfrage:  „Muß  man  unbedingt  zwischen  beiden  (der  Arbeite-  und  der  Greuznutzentheorie)
  wählen?- 4  fragt  er.  Die  Antwort  lautet:  „Nein,  denn  jede  der
beiden  Theorien  stellt  eine  Seite  der  Wahrheit  dar.  Warum  sollte  der  Wert
nicht  zwei  Seiten,  zwei  Pole  haben?  Wir  müssen  die  grobe  Idee,  die
Arbeit  schaffe  den  Wert,  beiseite  stellen;  aber  wir  müssen  annehmen,  daß  die
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.