Der Solidarismus bei Charles Gide
445
der Menschen als eine „amoralische“ Naturerscheinung auf, doch *
gelingt es ihm nicht, auch nur einen Augenblick ethische Vorstellungen
von dem Begriff fernzuhalten. Die Solidarität besteht
zunächst darin, sagt er mit Buskin und Carlyle, daß unsere
Handlungen sich um uns in Schwingungen von Leiden und Freuden
ins Unendliche reperkutieren. Jedes Gute, das einem andern
widerfährt, trägt zu unserm eigenen Besten bei, und jedes Übel,
das einem andern zustößt, kann auch uns zum Übel werden.
Die Erkenntnis der natürlichen Solidarität zeigt, daß wir durch
die Art, wie wir unser Unternehmen geführt, unsere Käufe gemacht,
durch das Beispiel, das wir gegeben haben, usw. häufig
die Miturheber der Fehler und des Elends anderer sind. Wir
oder unsere Kinder sind ausgesetzt, die Opfer der Übel, der
Krankheiten, der Verkommenheit anderer, an denen wir Mitschuld
haben, zu werden l ).
Eine andere Art natürlicher Solidarität ist die, welche sich
aus Arbeitsteilung, Tausch und Konkurrenz ergibt 2 ). Eine
dritte die, welche sich in den Gruppierungen der Menschen untereinander:
Familie, Gemeinde, Genossenschaft, Staat, Menschheit
usw. äußert 3 ).
Die natürlichen Solidaritäten bewirken Ungleichheiten und
Elend unter den Menschen. Es ist darum eine der schönsten
Errungenschaften der modernen Wissenschaft, das Gesetz der
Solidarität, des Zusammenwirkens zum Leben, dem blinden
Walten der Natur abgelauscht und zur Korrektur der schäd- .
liehen Wirkungen dieses Waltens in den Dienst des menschlichen
Willens gestellt zu haben. Die Solidarität, das Zusammenwirken
zum Leben, ist aus einer naturnotwendigen zu einer
gewollten, zur Richtschnur des menschlichen Handelns, zum
ethischen Prinzip geworden 4 ).
Die liberalen Volkswirte sagen, die Tauschwirtschaft verwirkliche
schon alle wünschenswerte Solidarität und die einzige
mit der Gerechtigkeit vereinbare. Das ist nicht richtig. Der
Tausch, und alle davon abgeleiteten Verteilungsarten (Lohn,
*) Gide > Cours ¿’Economie politique, p. 35 ff. — Gide et Rist, Histoire
des doctrines économiques, p. 697 ff.
2 ) Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. 209 ff.
3 ) Gide et Rist, loe. cit. p. 697-698.
4 ) Gide, Cours d’Econ. pol. p. 36 ff.