Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Der  Solidarismus  bei  Charles  Gide

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der  Menschen  als  eine  „amoralische“  Naturerscheinung  auf,  doch  *
gelingt  es  ihm  nicht,  auch  nur  einen  Augenblick  ethische  Vorstellungen ­
  von  dem  Begriff  fernzuhalten.  Die  Solidarität  besteht
zunächst  darin,  sagt  er  mit  Buskin  und  Carlyle,  daß  unsere
Handlungen  sich  um  uns  in  Schwingungen  von  Leiden  und  Freuden ­
  ins  Unendliche  reperkutieren.  Jedes  Gute,  das  einem  andern
widerfährt,  trägt  zu  unserm  eigenen  Besten  bei,  und  jedes  Übel,
das  einem  andern  zustößt,  kann  auch  uns  zum  Übel  werden.
Die  Erkenntnis  der  natürlichen  Solidarität  zeigt,  daß  wir  durch
die  Art,  wie  wir  unser  Unternehmen  geführt,  unsere  Käufe  gemacht, ­
  durch  das  Beispiel,  das  wir  gegeben  haben,  usw.  häufig
die  Miturheber  der  Fehler  und  des  Elends  anderer  sind.  Wir
oder  unsere  Kinder  sind  ausgesetzt,  die  Opfer  der  Übel,  der
Krankheiten,  der  Verkommenheit  anderer,  an  denen  wir  Mitschuld ­
  haben,  zu  werden  l ).
Eine  andere  Art  natürlicher  Solidarität  ist  die,  welche  sich
aus  Arbeitsteilung,  Tausch  und  Konkurrenz  ergibt 2 ).  Eine
dritte  die,  welche  sich  in  den  Gruppierungen  der  Menschen  untereinander: ­
  Familie,  Gemeinde,  Genossenschaft,  Staat,  Menschheit
usw.  äußert 3 ).
Die  natürlichen  Solidaritäten  bewirken  Ungleichheiten  und
Elend  unter  den  Menschen.  Es  ist  darum  eine  der  schönsten
Errungenschaften  der  modernen  Wissenschaft,  das  Gesetz  der
Solidarität,  des  Zusammenwirkens  zum  Leben,  dem  blinden
Walten  der  Natur  abgelauscht  und  zur  Korrektur  der  schäd-  .
liehen  Wirkungen  dieses  Waltens  in  den  Dienst  des  menschlichen ­
  Willens  gestellt  zu  haben.  Die  Solidarität,  das  Zusammenwirken ­
  zum  Leben,  ist  aus  einer  naturnotwendigen  zu  einer
gewollten,  zur  Richtschnur  des  menschlichen  Handelns,  zum
ethischen  Prinzip  geworden 4 ).
Die  liberalen  Volkswirte  sagen,  die  Tauschwirtschaft  verwirkliche ­
  schon  alle  wünschenswerte  Solidarität  und  die  einzige
mit  der  Gerechtigkeit  vereinbare.  Das  ist  nicht  richtig.  Der
Tausch,  und  alle  davon  abgeleiteten  Verteilungsarten  (Lohn,
*)  Gide >  Cours  ¿’Economie  politique,  p.  35  ff.  —  Gide  et  Rist,  Histoire
des  doctrines  économiques,  p.  697  ff.
2 )  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarité,  p.  209  ff.
3 )  Gide  et  Rist,  loe.  cit.  p.  697-698.
4 )  Gide,  Cours  d’Econ.  pol.  p.  36  ff.
            
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