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Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen
und Arbeitern regelnd einzugreifen. Darauf beschränken sich
aber seine volkswirtschaftlichen Anschauungen 1 ).
Comte faßte die Soziologie, deren Gründer er ist, als die
Geschichte der menschlichen Kultur auf. Nach ihm wurde sie
zunächst die „Naturgeschichte der Gesellschaften“. Diese ist
bestrebt, die Analogien, welche die Gesellschaften im allgemeinen
mit den lebenden Organismen, und die menschlichen Gesell
schaften im besondern mit den tierischen auf weisen, so weit als
möglich zu verfolgen 2 ). Bei Comte selbst sind schon Ansätze
in dieser Richtung vorhanden ; er liebt es z. B., die menschliche
Gesellschaft als „das lebendigste aller bekannten Wesen“ zu
bezeichnen 3 ) ; doch warnt er vor voreiligen Analogien. Die
Gefahr ist allerdings dabei vorhanden, daß man nicht bei der
Metapher stehen bleibt, sondern die Gesellschaft als einen Or
ganismus im eigentlichen Sinne des Wortes auffaßt und die
biologischen Gesetze des Kampfes ums Dasein und der natür
lichen Auslese darauf überträgt. Das taten denn auch bald
Spencer und Huxley in England, Schaeffle in Deutschland, Espinas,
Izoulet und in geringerm Maße auch Fouillée in Frankreich.
Espinas, Professor an der Sorbonne in Paris, entlehnt der
Biologie, wie Schaeffle, ihre Terminologie und ihre Klassifi
kationen, und stellt eine durchgreifende Parallele auf zwischen
dem Bau des menschlichen Körpers und dem der Gesellschaft.
Für ihn sind die menschlichen Gesellschaften unmittelbare Nach
folger und Erben tierischer Gesellschaften. Mit Spencer und
G. de MolinarD) stellt er die Lehre auf, daß die Entwicklung
der Menschheit derart vor sich gehe, daß die Stärksten im
Kampfe ums Dasein siegen und durch eine Reihe von bestimmten
Stufen zur Kultur aufsteigen. Dadurch wird die Anschauung,
welche schon der Geschichtsauffassung Comtes anhaftet, daß
nämlich das gesellschaftliche Leben einer notwendigen Folge
ordnung unterworfen sei, noch urgiert. Die Volkswirtschafts
lehre faßt Espinas als eine Kunstlehre auf. „Sie gehorcht
') Vgl. über Comte Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 427 ff
— Cìi. Gide et Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, Paris 1909, p. 467 ff.
— Vgl. ferner zu Obigem Aug. Comte, Cours de Philosophie positive, Bd. 4.
2 ) Vgl. Henry Michel, L’Idée de l’Etat, p. 459.
3 ) A. Comte, Cours de Philosophie positive, Bd. IV. passim.
4 ) Über G. de Molinari vgl. oben p. 72 ff.