Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Die  „positive“  Grundlegung 1  der  Nationalökonomie  517
In  den  höheren  Gesellschaften  ist  es  also  nicht  Pflicht,
unsere  Tätigkeit  auszudehnen,  sondern  sie  zu  konzentrieren  und
zu  spezialisieren.  Wir  müssen  eine  bestimmte  Aufgabe  wählen
und  uns  ihr  ganz  widmen.  Gewiß  müssen  wir  auch  daran
wirken,  in  uns  den  kollektiven  Typus,  in  dem  Maße  als  er  vorhanden ­
  ist,  zu  verwirklichen.  Es  gibt  gemeinsame  Gefühle  und
Ideen,  ohne  die  man  nicht  Mensch  ist.  Die  Vorschrift,  die  uns
befiehlt  uns  zu  spezialisieren,  bleibt  durch  die  entgegengesetzte
Regel  begrenzt.  Wir  müssen  die  Spezialisierung  nicht  so  weit
führen  als  möglich,  sondern  so  weit  als  nötig.  Der  Teil,  der
einer  jeden  der  beiden  Regeln  zukommt,  kann  nur  durch  die
Erfahrung  bestimmt  werden.
Die  Moral  der  arbeitsteiligen  Gesellschaften  ist  in  der
Hauptsache  eine  Berufsmoral;  da  aber  die  Entwicklung  der
beruflichen  Spezialisierung  mit  der  der  Persönlichkeit  Hand  in
Hand  geht,  so  folgt,  daß  die  Berufsmoral  in  zunehmendem
Maße  im  Kulte  der  Persönlichkeit  gipfelt,  d.  h.  daß  sie  etwas
Menschlicheres,  folglich  Rationaleres  hat,  als  die  Ethik  der
frühern  Gesellschaften,  die  allen  dasselbe  Ideal  zu  verwirklichen
vorschreibt.  Mit  andern  Worten,  sie  knüpft  unsere  Tätigkeit
nicht  an  transzendentale  Ziele.  Sie  verlangt  von  uns  nur,  sanft
und  gerecht  für  unsere  Nebenmenschen  zu  sein,  unsere  Berufspflichten ­
  gut  zu  erfüllen,  daran  zu  arbeiten,  daß  jeder  zu  der
Funktion  berufen  werde,  die  er  am  besten  zu  erfüllen  in  der
Lage  ist,  und  daß  er  den  gerechten  Lohn  für  seine  Anstrengungen
empfange  *).
Wenn  die  Berufsmoral  die  sittliche  Entwicklung  der  arbeitsteiligen ­
  Gesellschaften  sichern  soll,  so  bedarf  sie  einer  detaillierten ­
  Ausgestaltung.  Rechtsanwalt  und  Richter,  Soldat  und
Professor,  Arzt  und  Priester  usw.  haben  nun  allerdings  eine
genügend  entwickelte  Berufsmoral.  Das  gleiche  kann  man  von
den  wirtschaftlichen  Berufen  nicht  sagen.  Wer  heute  die  laufenden ­
  Ideen  feststellen  wollte  über  das,  was  die  Beziehungen  von
Arbeitgebern  und  Arbeitern,  von  Produzenten  und  Konsumenten,
von  Konkurrenten  untereinander  sein  sollten,  der  würde  kaum
einige  verschwommene  Allgemeinheiten  finden  über  die  Treue
und  Hingebung  der  Lohnempfänger  ihren  Arbeitgebern  gegen-')

  Durkheim,  loe.  eit.  p.  392  ff.
            
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