Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

522 
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Henry Michel hat Recht, wenn er zu Dürkheims Werk 
„De la Division du Travail social“ fragend äußert: „(L'esprit) 
se prend à craindre que sur tout ce livre, d’une construction 
en apparence si solide, où règne une méthode qui se flatte d’être 
strictement positive, la métaphysique, phantôme mal exorcisé, 
ne continue à planer, invisible, mais présente 1 )?“ 
François Simiand, Bibliothekar am Handelsministerium in 
Paris, hat schätzenswerte Beiträge zur Lohntheorie mittelst der 
„indirekt experimentellen“ Methode Dürkheims gewonnen 2 ). 
Er ist von der Überzeugung durchdrungen, daß die National 
ökonomie den Anspruch, eine Wissenschaft zu sein, erst dann 
wird erheben können, wenn sie mit Hilfe jener Methode durch 
greifend positiv fundamentiert sein wird. 
In der heutigen volkswirtschaftlichen Literatur, führt Si 
miand aus 3 ), liegt allen Theorien ausdrücklich oder still 
schweigend eine Fragestellung folgender Art zugrunde : Welches 
ist die wirtschaftlichste Produktion und wie ist sie zu verwirk 
lichen? Welches ist die beste Art der Verteilung? Wie kann 
man der größten Zahl die größtmögliche Menge von Gütern 
verschaffen? usw. Die heutige Nationalökonomie ist darum 
nicht eine Erforschung von Ursachen und Wirkungen, sondern 
ein Studium von Mitteln im Hinblick auf ein Ziel. Selbst jene 
Volkswirte, welche den Anspruch erheben, die reine Ökonomik 
zu lehren, sehen i^ire Hauptaufgabe darin, die Gleichgewichts 
bedingungen eines ideellen Marktes, den sie „freien Markt“ 
nennen, zu bestimmen. Aber bedeutet das Unterfangen, die 
Bedingungen des Gleichgewichts eines Marktes eher als jene 
eines gestörten Gleichgewichtes desselben bestimmen zu wollen 
nicht, daß man stillschweigend ein Analytisches Postulat voraus- 
') Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 481—482. 
2 ) François Simiand, Le Salaire des ouvriers des Mines de charbon en 
Prance. Contribution à la Théorie économique du salaire. Paris 1907. — 
H. Simiand war so freundlich, uns außerdem mehrere schriftliche Notizen, 
sowie den Bürstenabzug einer von ihm dem Soziologenkongreß in Heidelberg 
(1908) gemachten Mitteilung, die später in der Revue de Métaphysique ver 
öffentlicht wurde, zur Verfügung zu stellen. Wir verweisen auch auf seine zahl 
reichen Rezensionen in den verschiedenen Jahrgängen der Année sociologique. 
3 ) F. Simiand, La Méthode positive en Science économique, in: Revue 
de Métaphysique 1908. (Wir zitieren nach dem eben angeführten Bürstenabzug.)
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.