Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

82 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
geführt, daß sogar die Geistlichen selbst Handel trieben. Und die wiederholten Ver 
bote lassen auf Beibehaltung dieser Gewohnheit noch lange schließen. Verboten 
wurde aber den Geistlichen die Betreibung eines kaufmännischen Geschäfts wie die 
Beteiligung an einem solchen fortwährend, so von den Synoden zu Köln 1260, zu 
Magdeburg 1261 usw. Die ganz strengen Beurteiler hätten aber am liebsten den 
Handel überhaupt verboten; so Duns Scotus, weil derselbe zur Gewinnsucht führe. 
Thomas von Aquino wünschte weitgehendste Einschränkung: nur der Befriedigung 
notwendigster Lebensbedürfnisse sollte er dienen. Es lag das daran, daß alle Ge 
schäfte, die darüber hinausgingen, also alle Spekulationen und reinen Handels 
geschäfte der Kirche als Wucher erschienen, und nichts hat sie mehr bekämpft als 
das Zinsennehmen. Übrigens war dieses Zinsverbot eben nur auf der natural 
wirtschaftlichen Grundlage der ersten Hälfte des Mittelalters denkbar. Auch eine 
durch irgendwelche Umstände herbeigeführte Preissteigerung war für die Kirche 
unter diesem Gesichtspunkt verwerflich: das ganze Mittelalter hat auch überall die 
Preise festzulegen gesucht und die Regelung durch Angebot und Nachfrage nicht 
anerkannt. So rangierte denn in der Meinung der Kirche der Kaufmann als ein 
teuflischen Werken ergebener Mensch. 
Doch dürfen wir die wirkliche Schmälerung des Ansehens des kaufmännischen 
Berufes darum nicht als eine zu große einschätzen. Schwieriger mochte dem Kauf 
mann werden, seinen Stand in den Städten gegen jene Anschauungen durchzusetzen, 
die oben kurz charakterisiert wurden. Das gelang ihm wesentlich durch den rasch 
erworbenen Wohlstand. Wieder aber ist festzustellen, daß der Handel — von den 
Krämern ist hier nicht die Rede — als absolut unritterliche Beschäftigung nicht an 
gesehen werden darf. Diese Anschauung verbreitet sich stärker erst seit dem 14. Jahr 
hundert. 
Im übrigen focht die Meinung der Kirche den Kaufmann wenig an. Denselben 
Gegensatz zu dem asketischen Lebensideal der Weltverneinung, den fein praktisch 
realistischer Sinn zeitigen mußte, zeigte auch das weltliche Treiben der Ritter. Auch 
darin lag ein Moment, das die Schildaristokratie leicht mit der Geldaristokratie zu 
sammenführte. 
Indessen diese ritterliche Episode im Leben des deutschen Kaufmanns ging vor 
über, entsprechend dem Niedergang der ritterlichen Kultur überhaupt. Und noch ein 
anderer Wurm nagte an dem Glanz der Handelsaristokratie des 13. Jahrhunderts. 
Es scheint, als ob die Möglichkeit raschen Gewinns, das erste Hereinbrechen eines 
Kapitalismus nicht bloß das sittliche Urteil der Geistlichen empörte, — „ein Kauf 
mann kann kaum ohne Sünde sein", sagte damals Caesarius von Heisterbach, — 
sondern daß diese Momente in der Tat auch eine Demoralisation der Handels 
aristokratie herbeiführten. Hochmut auf der einen Seite, Genußsucht aus der andern 
Seite erschütterten die Dauerhaftigkeit dieser Gesellschaft. Sie ruinierte sich selbst, 
und sie rief auf der andern Seite eine Opposition der unteren Schichten hervor, 
die der Ausbeutung der Städte durch die Geschlechter ein Ende zu machen strebte. 
Aber dem deutschen Kaufmann waren noch große Fortschritte beschieden. Nicht 
die dem Rittertum nachäffende Art der aristokratischen Kaufherrn verbürgte sie, 
sondern die rauhe Tatkraft und unermüdliche Arbeitslust des Kaufmanns der Folge 
zeit, zunächst des 14. Jahrhunderts. Es sind zum Teil unschöne Züge, die dieser 
zeigt; ein starrer Sinn, ein harter Egoismus, ein rücksichtsloses Verfolgen des Ziels 
sind ihm zu eigen. Aber es sind Züge, die den Erfolg seiner Arbeit verbürgten. Und 
große Arbeit hat er in dieser Zeit geleistet. Große Umwälzungen gingen damals 
vor sich, überaus günstig für seinen weiteren Aufschwung, aber ihn antreibend zu 
höchster Anspannung seiner Leistungsfähigkeit.
	        
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