Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

104

stellen,  sondern  muß  darauf  Rücksicht  nehmen,  daß  viele  Rohstoffe
im  Kriegsfall  anders  als  in  Friedenszeiten  verw  en  d  e  t  werden ­
  können.  Die  Kartoffeln,  welche  sonst  zur  Schnapsbereitung  dienen,
dürfte  man  in  Kriegszeiten,  wenn  Nahrungsmangel  herrscht,  direkt  konsumieren. ­
  Man  müßte  systematisch  festzustellen  trachten,  welche  Rohstoffe
irgendwie  für  Nahrungszwecke  überhaupt  Verwendung  finden  können.  Abgesehen ­
  davon,  daß  die  übliche  Produktion  durch  eine  andere  ersetzt  werden
kann,  muß  man  auch  die  Einführung  von  Surrogaten  aller  Art
in  Erwägung  ziehen.  Es  kann  die  Ernährung  im  Kriegsfall  wesentliche  Modifikationen ­
  erleiden.  Schließlich  muß  man  mit  dem  Verbrauch  von  Reserven
rechnen,  wie  sie  insbesondere  im  Vieh  gegeben  erscheinen.  Während  des  Balkankrieges ­
  z.  B.  lebten  die  Balkanstaaten  zum  Teil  von  dem  Fleisch,  das  durch
vermehrte  Schlachtungen  gewonnen  wurde.  Die  Schlachtungen  nahmen  dort
deshalb  sehr  zu,  weil  die  Soldaten  im  Frieden  seltener  Fleisch  essen,  als
dies  während  des  Feldzuges  der  Fall  war.
Schließlich  muß  noch  die  Frage  erörtert  werden,  in  welcher  Weise  denn
überhaupt  die  Produktion  während  eines  Weltkrieges  fortgeführt  werden  kann.
Während  man  bis  vor  kurzem  der  Meinung  war,  ein  Zukunftskrieg  werde
rasch  zu  Ende  sein,  beginnt  sich  jetzt  wieder  die  Anschauung  zu  festigen,
daß  ein  Weltkrieg  von  längerer  Dauer  nicht  etwas  Unmög-1
  ich  es  sei,  zumal  man  ja  nicht  mit  einer  kontinuierlichen  Kriegsführung
rechnen  dürfe.  Pausen  während  des  Krieges,  die  dennoch  keine  Rückkehr
zur  Friedensarbeit  gestatten,  müßten  mit  in  Rechnung  gezogen  werden.  In
diesem  Fall  kommen  alle  Produktionsreserven  in  Frage,  die  wir  in  Form
von  Naturschätzen,  Erfindungen  usw.  besitzen.  Vergessen  wir  nicht,  daß  dann
viele  extensiv  bebaute  Bodenflächen  vielleicht  einer  intensiven  Bearbeitung  zugeführt ­
  werden  könnten.  Almen,  die  heute  verlassen  werden,  um  Jagdzwecken
zu  dienen,  werden  während  eines  Weltkrieges  vielleicht  wieder  Vieh  ernähren.
Und  sollte  die  Almwirtschaft  nicht  rentabel  sein,  so  kann  sie  die  Regierung
wohl  trotzdem  erzwingen,  um  die  Armee  und  die  Zivilbevölkerung  entsprechend
zu  versorgen.  Wir  können  mit  einer  Erweiterung  des  Gemüseanbaues,  mit
einer  Entwicklung  der  Konservenindustrie  rechnen.  Die  Arbeitskräfte,  die  in
den  Luxusindustrien  tätig  sind,  werden  vielleicht  —  soweit  sie  nicht  einberufen ­
  werden  —  in  der  Lebensmittelindustrie  Verwendung  finden.  Es  sind
dies  alles  Fragen,  die  einer  eindringenden  Bearbeitung  harren.  Vergessen
wir  nicht,  daß  wir  bis  jetzt  nur  eine  unzureichende  Produktionsstatistik  besitzen,
und  daß  es  großer  Mühe  bedarf,  um  dieselbe  auch  nur  in  grober  Annäherung
für  den  Kriegsfall  umzurechnen.
Praktische  Fragen  dringendster  Art  treten  an  die  Zivil-  und  Militärverwaltung ­
  heran  ;  an  erster  Stelle  steht  die  Versorgung  der  Bevölkerung ­
  mit  Nahrungsmitteln  und  Kohlen.  Insbesondere  muß  die
Frage  historisch  und  systematisch  studiert  werden,  wie  die  Großstädte  entsprechend ­
  versorgt  werden  können.  Im  allgemeinen  werden  diese  Studien
immer  von  Fall  zu  Fall  angestellt,  ohne  daß  ausreichende  Vorarbeiten  vorliegen ­
  würden;  fehlen  doch  bis  jetzt  geeignete  kriegswirtschaftliche ­
  Institute.  Wenn  die  Verpflegung  der  Großstädte  in  Betracht ­
  gezogen  wird,  muß  man  einerseits  die  Möglichkeit  der  Zufuhr,  anderseits ­
  die  Möglichkeit  der  Magazinierung  erwägen.  Es  ergibt  sich  so  die  Notwendigkeit, ­
  einen  allgemeinen  Mobilisierungsplan  auszuarbeiten, ­
  der  nicht  nur  die  Armee  umfaßt,  sondern  auf  die
gesamte  soziale  Struktur  und  auch  auf  die  verbündeten
Staaten  Rücksicht  nimmt.  Wie  wichtig  für  den  militärischen  Widerstand ­
  entsprechende  Vorsorgen  sein  kölpnen'  beweist  eine  Erfahrung  aus
dem  russisch-japanischen  Kriege.  Rußland  hatte  bereits  im  Jahre  1904  einen
zweijährigen  Lebensmittelvorrat  auf  der  Insel  Sachalin  angehäuft.  Der  Vorrat
reichte  für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung  aus.  Hätte  er  z.  B.  nur  für  die
Militärbevölkerung  allein  ausgereicht,  so  würde  die  Insel  bald  dem  Feinde
in  die  Hände  gefallen  sein.  Dies  alles  läßt  die  Forderung  gerechtfertigt
erscheinen,  die  insbesondere  in  Deutschland  von  Kriegswirtschaftlern  vertreten
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.