Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

scheinlich  ist  es,  daß  der  Boykott  eine  erhebliche  Rolle  spielen  wird,  wie  er
z.  B.  in  der  Türkei  und  in  Serbien  gegen  österreichisch-ungarische  Waren  zeitweilig ­
  geübt  wurde.  Der  Boykott  verengt  den  Absatz  des  Gegners,  er  fördert
den  Absatz  der  eigenen  Industrie,  die  nun  nicht  mit  jener  des  Auslandes  konkurrieren ­
  muß.  Der  Boykott  wirkt  wie  ein  Prohibitivzoll,  nur  daß  er  nicht
formell  von  der  Regierung  ausgeht.  Freilich  dürfte  man  in  Zukunft  für  einen
Boykott  der  Privatpersonen  die  Regierungen  verantwortlich  machen.  Es  wäre
denkbar,  daß  man,  im  Falle  man  die  Macht  dazu  hat,  sie  zur  Abnahme  bestimmter ­
  Warenquanten  zwingt,  die  sie  dann  an  die  Bevölkerung  nach  ihrem
Ermessen  weiter  veräußern  kann.  Derartige  und  andere  Pressionen  gegenüber
Regierungen  wird  man  um  so  leichter  anwenden,  als  in  der  Mehrzahl  der  Fälle
ein  großzügig  organisierter  Boykott  von  der  Regierung  zumindest  geduldet,
wenn  nicht  gar  gefördert  zu  sein  pflegt.
Wir  leben  heute  in  einem  Zeitalter,  das  schutzzöllnerischen  Qedankengängen
  stark  anhängt.  Es  ist  dies  eine  von  Zeit  zu  Zeit  wiederkehrende
Denkweise.  Wenn  ein  Zeitalter  dem  Staat  keine  Eingriffe  gestattete  und  infolge ­
  der  ungezügelten  Konkurrenz  schwere  Schäden  sich  bemerkbar  machten,
pflegte  man  in  der  Forderung  nach  Regierungshilfe  und  Schutzmaßnahmen  aller
Art  keine  Grenze  finden  zu  können  ;  wenn  dann  durch  übermäßige  Kontrolle
der  Unternehmungsgeist  gelähmt  und  vielfach  Unfähige  privilegiert  werden,
wendet  sich  der  Zorn  aller  gegen  die  Aufsicht  der  Regierung.  Da  die  Menschen
wenig  aus  der  Geschichte  zu  lernen  pflegen,  begnügt  man  sich  meist  nicht
mit  der  Beseitigung  der  Schäden,  sondern  geht  von  einem  Extrem  ins  andere
über.  Die  schrankenlose  Gewerbefreiheit  wird  durch  eine  Gewerbeordnung
abgelöst,  der  zufolge  eine  Konditorei  ohne  besondere  Konzession  zwar  kalte,
nicht  aber  warme  Limonaden  verkaufen  darf,  weil  letzteres  nur  einem  Kaffeehaus ­
  zukommt.  Den  Schutzzoll  verteidigen  viele  als  Erziehungszoll.  Sie
weisen  darauf  hin,  daß  der  unentwickelten  Industrie  geholfen  werden  müsse.
Daß  sie  hilfsbedürftig  sei,  spreche  nicht  gegen  ihre  tatsächlichen  Fähigkeiten.
Ein  dreißigjähriger  Schwächling  könne  mit  Leichtigkeit  einen  fünfjährigen
Athleten  erdrosseln.  Es  war  bekanntlich  der  Schutzzoll,  der  Deutschlands
Industrie  der  englischen  gegenüber  konkurrenzfähig  gemacht  hat.  Es  gibt
aber  freilich  Schutzzölle,  die  nicht  dazu  beitragen,  die  Produktion  zu  vergrößern ­
  und  zu  vervollkommnen,  sondern  einer  kleinen  Gruppe  von  energischen
Männern  die  Möglichkeit  geben,  Waren  minderer  Qualität  zu  hohen  Preisen  zu
verkaufen,  ohne  die  Konkurrenz  des  Auslandes  fürchten  zu  müssen.  In  Zeiten,
die  dem  Freihandel  gewogen  sind,  wird  man  für  die  schutzzöllnerische  Wirkung
des  Krieges  kein  rechtes  Verständnis  haben.  Der  Krieg  ist  für  Freihändler,
wie  ich  schon  einmal  erwähnte,  nur  eine  Störung  der  Produktion,  während
der  Schutzzöllner  in  ihm  unter  Umständen  eine  Anregung  zur  Produktion  sieht,
wenn  dafür  Sorge  getragen  wird,  daß  Fabriken,  die  während  eines  Krieges
errichtet  wurden,  nach  dem  Kriege  nicht  schutzlos  dem  Auslande  preisgegeben
werden,  wie  dies  nach  den  Napoleonischen  Kriegen  zum  Teil  der  Fall  war,
als  die  Kontinentalsperre  aufgehoben  wurde,  ohne  durch  entsprechende  Schutzzölle ­
  ersetzt  zu  werden,  die  als  Übergang  hätten  dienen  können.
Wir  besitzen  eine  ausgezeichnete  Schilderung  der  Kontinentalsperre
von  Peetz  und  Dehn.  Napoleon  wollte  den  englischen  Handel  treffen,  soweit
er  Industrie-  und  Kolonialartikel  betraf  ;  merkwürdigerweise  verhinderte  er
nicht  die  Zufuhr  von  Getreide  nach  England,  was  wohl  eine  der  ersten  Taten
eines  modernen  Napoleon  gewesen  wäre.  Auch  in  einem  modernen  Weltkriege ­
  würde  eine  Kontinentalsperre  der  Industrie  manche  Förderung,  aber
auch  manche  Lähmung  bringen.  Die  Lyoner  Seidenindustrie  beschäftigte  im
Jahre  1788  ungefähr  9000  Webstühle;  deren  Zahl  ging  infolge  der  Revolution ­
  auf  ungefähr  3000  zurück,  während  die  Kontinentalsperre  sie  im  Jahre
1810  auf  ungefähr  14  000  ansteigen  machte.  In  20  Jahren  hatte  sich  die  Anzahl ­
  verfünffacht.  Auch  die  nordfranzösische  Tuchindustrie  florierte  während
der  Kontinentalsperre.  Es  gab  damals  Natiohalökonomen,  die  sich  dieser
Wirkungen  voll  bewußt  waren  ;  sie  erklärten  mit  aller  Präzision,  die  man  nur
wünschen  kann,  Frankreich  habe  durch  die  Kontinentalsperre  eine  eigene  Industrie ­
  bekommen  und  Mitteleuropa  sei  industriell  von  England  unabhängig  ge-
            
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