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IV.
Uneinlösliches Girogeld im Kriegsfälle.
(1909.)
Während sich die Begründer der klassischen Nationalökonomie noch mit
vielen Fragen beschäftigten, welche die allgemeine staatliche Ordnung betrafen,
wenn sie auch schon mit Vorliebe sich marktwirtschaftlichen Problemen zuwandten,
haben sich die Nachfolger fast ausschließlich letzteren gewidmet.
Dies hatte zwar den großen Vorteil, daß gewisse Probleme selbständig erörtert
und streng theoretisch behandelt wurden, anderseits wurden aber gewisse Zusammenhänge
fast völlig vernachlässigt, so z. B. die Stellung des Krieges im
Wirtschaftsleben.
Bis tief ins 18. Jahrhundert hinein hatte man den Krieg ganz harmlos
als Einnahmequelle behandelt, wobei natürlich gewisse Kosten in Rechnung
gestellt werden mußten. Freihändler gelangten in erster Reihe dazu, den
Krieg ganz allgemein als wirtschaftlich schädlich anzusehen, selbst für den
siegreichen Staat. Daß daneben manche Liberale, wie z. B. Wilhelm v. Humboldt,
aus anderen Gründen für den Krieg eintraten, gehört nicht hierher.
Gerade bei den Engländern ist die Anschauung, daß der Krieg hur schädlich
sei, schwer verständlich, da ihrem offenen Blick doch kaum entgehen konnte,
daß ihr Vaterland den Beweis liefere, wie viel man dem Krieg verdanken könne.
Während ein Ferguson noch von der Eroberung und Landesverteidigung
spricht, behandelt sein Freund Adam Smith nur noch letztere eingehender.
Der Krieg wurde von den meisten Freihändlern für unproduktiv erklärt und
dementsprechend in der Folgezeit wenig berücksichtigt.
Viele Gegner der Freihandelslehre, so z. B. Friedrich List, gedachten
freilich wieder des Krieges, aber die meisten waren doch so von liberalen und
mehr oder weniger verworrenen kosmopolitischen Ideen erfüllt, daß es zu
einer wirtschaftlichen Würdigung nicht kam. Eine Wirtschaftspolitik des Krieges
entsprechend der Kolonialpolitik, der Agrarpolitik, der Börsenpolitik wurde
nicht geschaffen. Erst die moderne Schutzzollbewegung, in Verbindung mit
der .raschen Entwicklung des Heerwesens, hat die Aufmerksamkeit neuerlich
aut die Kriegswirtschaft gelenkt. Zunächst waren es vorwiegend finanzielle
Probleme, welche die Gelehrten anzogen, aber in steigendem Maße wurden
auch die übrigen Gebiete durchforscht, auf denen sich Einflüsse des Krieges
beobachten ließen. Eine systematische Behandlung der Kriegswirtschaft
fehlt jedoch bis jetzt. Im folgenden soll ein einzelnes
Problem berührt werden, das durch die letzten Vorgänge in Österreich-Ungarn
aktuell geworden ist.
Selbst in wirtschaftlich völlig gesicherten Ländern pflegen vor Beginn des
Krieges und kurz nach Beginn desselben zahlreiche Guthaben bei den Sparkassen
und Banken behoben zu werden. Die größten Institute sind so einem Run
ausgesetzt, der häufig durch gefährliche Spekulanten und andere unlautere
Elemente gefördert wird. Die Sparer pflegen gewöhnlich Gold zu verlangen,
und um beruhigend zu wirken, kommt man häufig diesem Verlangen nach,
selbst dann, wenn Annahmezwang und Zwangskurs für uneinlösliches Bankpapiergeld
besteht. Man kann den Einlegern diesen Gefallen jedoch nur so
lange ohne Gefahr tun, als die Reservebestände nicht zu empfindlich ange^
tastet werden und so lange nicht etwa gar Kredite gekündigt und Papiere veräußert
werden müssen, um dem Ansturm zu genügen. Wenn aber irgendwelche
wirtschaftliche Störungen durch das planlose Verlangen einer unsinnigen Menge
zu befürchten sind, ist es wohl Pflidit jeder Regierung, zu bewirken, daß dem
Verlangen, Gold in Strümpfen zu verstecken oder Brot und Fleisch mit Gold