Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Die  gegenwärtige  Ordnung  dürfte  von  dem  freien  Markt  der  Geld-  und
Kreditwirtschaft  ungefähr  ebenso  weit  entfernt  sein  wie  von  der  staatlichen ­
  Großnaturalwirtschaft.  Nichtsdestoweniger  versucht  man  die
geldwirtschaftliche  Theorie  noch  immer  anzuwenden,  oder  wenn  man  dies  schon
unterlassen  muß,  so  rechnet  man  mit  der  ganzen  gegenwärtigen  Ordnung  gewissermaßen ­
  nur  wie  mit  einer  vorübergehenden  Störung  und  versucht  vielfach
keine  entsprechende  Umbildung  der  Theorie.  Wollen  wir  mit  der  Ausweitung
der  Theorie  Ernst  machen,  so  müssen  wir  eine  Fülle  von  Möglichkeiten  untersuchen, ­
  Geldwirtschaften  verschiedener  Art  und  Naturalwirtschaften  verschiedener
Art.  Wir  können  recht  exti'erae  Typen  von  Naturalwirtschaftsordnungen  zu
diesem  Zweck  entwerfen.  Wir  können  uns  z.  B.  denken,  daß  die  wirtschaftliche
Diktatur  alle  Produktion  an  die  einzelnen  Industrie-  und  Agrarverbände  verteilt,
deren  Bestand  wir  uns  unverändert  denken  wollen  —  wir  können  natürlich ­
  auch  eine  durch  den  Staat  durch  geführte  Produktion
uns  vorstellen  oder  sonst  eine  Ordnung  —,  wobei  der  Luxusproduktion,  der
Produktion  notwendiger  Artikel  gewisse  Mengen  von  Rohstoffen,  Maschinen  usw.
auf  Grund  einer  umfassenden  Naturalrechnung  zugewiesen  werden.  Die  Beziehungen ­
  der  Verbände  zueinander,  die  wir  etwa  in  einem  Pankartellism
  u  s  8)  organisiert  denken  können,  seien  den  bisherigen  immerhin  soweit  verwandt, ­
  daß  Leistungen  mit  Gegenleistungen  in  natura  bezahlt  werden.  Die
Löhne  der  Angestellten  und  Arbeiter,  die  Einkommen  der  Unternehmer  können
wir  in  Form  von  Brot-,  Milch-,  Wohnungs-  usw.  Karten  denken,  die  aber  nicht
nur  zum  Ankauf,  sondern  bereits  als  Anweisungen  zum  Bezug  dieser
Dinge  unmittelbar  berechtigen.  Selbst  wenn  ein  Virement  möglich  ist,  entspricht
die  Gesamtheit  der  Anweisungen  der  Gesamtheit  der  vorhandenen  Produkte.
Banken,  welche  eine  Fabrik  finanzieren,  kreditieren  ihr  etwa  die  Arbeitslöhne  in
natura,  Rohstoffe  usw.  und  erhalten  von  ihr  dafür  einen  Teil  der  fertigen  Produkte. ­
  Die  Arbeitslöhne  werden  der  Bank  wieder  von  den  Verbänden,  welche
Agrarartikel,  Wohnungen  usw.  besitzen,  zur  Verfügung  gestellt,  wie  jetzt
etwa  Einlagen.  Ebenso  können  wir  uns  Naturalanleihen,  Naturalsteuern  usw.
In  dem  eben  skizzierten  theoretischen  Modell  habe  ich  alle  wichtigeren
historisch  bekannten  natural  wirtschaftlichen  Einrichtungen  höherer  Form  zu
vereinigen  gesucht  und  dennoch  so  viel  von  der  heutigen  Ordnung  beibehalten,
daß  wir  an  diesem  Modell  für  die  jetzige  Wirtschaft  und  die  der  Vergangenheit
vieles  lernen  können.  Wir  könnten  natürlich  die  Großnaturalwirtschaft  auch
rein  staatlich  denken  oder  rein  privat  wirtschaftlich  aufgebaut,
sie  kann  kommunistisch  sein  oder  sonstigen  Verteilungs-  und  Regiemngsformen
  entsprechen.  All  das  ist  für  die  Naturalwirtschaft  grundsätzlich  nebenin ­
  einer  Naturalwirtschaft  wie  der  angedeuteten  treten  die  LohnempHnger
nur  mit  den  Unternehmern  in  Verhandlung,  nicht  aber  nochmals,  v/ie  heute,
mit  den  Warenverkäufern.  In  der  oben  skizzierten  Ordnung  ist  der  Verkäufer
von  Waren  zu  einem  reinen  Abgabeorgan  geworden,  ähnlich  wie  heute,  wenn
er  zum  Höchstpreis  mit  tarifiertem  Gewinn  abgeben  muß.  Wir  sehen  übrigens
auch  jetzt  schon  die  Tendenz  sehr  stark  entwickelt,  den  Geldlohn  wenigstens
zu  einem  erheblichen  Teil  in  Naturallohn  umzuwandeln,  sei  es,  daß  bestimmte
Unternehmungen  ihren  Arbeitern  die  Lebensmittel  billig  beschaffen,  oder  sonstwie ­
  für  die  Naturalverpflegung  Sorge  tragen.  Zum  ausgesprochenen  Naturallohn ­
  ist  dann  nur  noch  ein  kleiner  Schritt.  Er  dürfte  bei  längerer  Knegsdauer
  auch  vielfach  eingeführt  werden,  weil  nur  er  das  Zufallsmoment  aus
der  Entlohnung  ausschaltet.  Die  obigen  Naturalanweisungen  können  wir  uns
fix  oder  variabel  denken,  etwa  auf  die  Wochenquote  lautend,  die  fallswmse
autoritativ  bestimmt  wird,  wie  z.  B.  jetzt  gelegentlich  durch  Magistrate.  Die
wechselnden  Preise  der  Waren  würden  durch  ihre  wechselnde  Menge  ersetzt
werden,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  die  Festsetzung  auf  Grund  allgemeiner
volkswirtschaftlicher  Erwägungen  oder  zentralisierter  Abmachungen  erfolgte.
In  einem  naturalwirtschaftlichen  Pankartellismus  wäre,  wenn  ein  naturalwirt-Wilhelm

  Neurath,  Vorträge  1902,  S.  271.

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