Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

181

sie,  so  brachte  man  sie  nicht  miteinander  in  Verbindung,  sondern  ließ  sie  als
gelegentliche  Ergebnisse  einsam  ihr  Leben  fristen.
Im  allgemeinen  herrscht  die  überkommene  Meinung,  daß  die  Naturalwirtschaft ­
  mit  einem  reichen  kulturellen  Leben,  mit  einer  internationalen  Verbindung ­
  der  Völker  unvereinbar  sei.  Immer  noch  ist  eigentlich  die  Anschauung ­
  verbreitet,  daß  es  drei  Stufen  der  Wirtschaft  gebe,  Naturalwirtschaft,
Geldwirtschaft  und  Kreditwirtschaft,  ganz  gleich,  wie  man  diese  Folge  späterhin ­
  abzuändern  unternahm.  Die  Auffassung,  daß  die  Naturalwirtschaft  eine
Reihe  von  Stufen  habe,  ebenso  wie  die  Geld  Wirtschaft,  und  daß  es  Stufen  der
Naturalwirtschaft  gebe,  die  Stufen  der  Geldwirtschaft  überlegen  seien,  finden
wir  nirgends  recht  vertreten.  Es  hängt  dies  damit  zusammen,  daß  im  allgemeinen ­
  durch  die  historische  Verknüpfung  die  Geldwirtschaft  wie  eine  Infektion ­
  alle  Völker  ergriff  und  die  naturalwirtschaftlichen  Keime  meist  tötete.
Es  läßt  sich  zeigen,  worauf  diese  Eigentümlichkeit  der  Geldwirtschaft  beruhte, ­
  welche  zuerst  die  Fähigkeit  besaß,  fernste  Völker  miteinander  zu  verbinden, ­
  freilich  auch  die  Fähigkeit  hatte,  innerhalb  der  Völker  dissoziierend
zu  wirken.  Trotzdem  kam  es  im  Laufe  der  Geschichte  dazu,  daß  sich  stellenweise ­
  naturalwirtschaftliche  Reste  erhielten  und  zu  höheren  Formen  entfalteten,
sowie  dazu,  daß  gelegentlich  naturalwirtschaftliche  Formen  neu  auftauchten,
wie  im  untergehenden  römischen  Reich.  Man  sollte  nun  erwarten,  daß  man
sich  auf  diese  seltenen  Dinge  mit  besonderem  Eifer  stürzte  —  keineswegs^
Der  altägyptische  Naturaliengiroverkehr,  der  eine  überaus  hochentwickelte
naturalwirtschaftliche  Institution  darstellt,  deren  Vorhandensein  unserem  Zeitalter ­
  zur  Ehre  gereichen  würde,  ist  kaum  beachtet  worden.^)  Es  wäre  doch
ungemein  reizvoll,  zu  studieren,  wie  denn  eine  solche  Einrichtung  verallgemeinert ­
  wirken  würde.  In  der  hellenistischen  Zeit  scheint  jeder  größere  Landmann ­
  sein  Girokonto  im  Staatsspeicher  besessen  zu  haben,  welches  ihm  z.  B.
ermöglichte,  Pachteinzahlungen,  die  ihm  imendwo  gemacht  wurden,  an  einer
beliebigen  anderen  Stelle  des  Landes  in  Empfang  zu  nehmen,  wobei  es  oft
ebensowenig  zu  einer  Versendung  des  Kornes  kam,  wie  etwa  heute  im  Postanweisungsverkehr ­
  zu  einer  Versendung  des  Geldes.  Es  wäre  doch  wohl  am
Platze,  wenn  in  den  Abschnitten  über  Naturalwirtschaft,  die  wir  in  den  verschiedenen ­
  Lehr-  und  Wörterbüchern  finden,  derlei  Tatsachen  regelmäßig  besprechen ­
  würden.  Oder,  um  etwas  Kriegswirtschaftliches  zu  erwähnen  :  Weshalb ­
  hat  man  sich  zwar  etwas  mit  den  Geldsteuern  und  Geldanleihen  des
Sezessionskrieges  und  der  napoleonischen  Kriege,  aber  nicht  ebenso  eingehend
mit  ihren  Naturalsteuern  und  sonstigen  Eingriffen  naturalwirtschaftlicher  Art
beschäftigt?  i*’)
Diese  wenigen  Hinweise  mögen  genügen.  Sobald  man  auf  naturalwirtschaftliche ­
  Fragen  nur  ein  wenig  sein  Augenmerk  prinzipiell  richtet,  fließt
einem  Material  allenthalben  zu.  Es  werden  auf  einmal  Tatsachen  vereinigt,
die  sonst  vereinzelt  waren,  und  die  Fülle  der  Erscheinungen,  deren  wir  uns
klarer  bewußt  werden,  bereichert  sich  erheblich  ;  die  Theorie  wird  überdies
durch  die  Wirklichkeit  zu  reicherer  Entfaltung  genötigt.  Man  beginnt  allerlei
Parallelen  zu  ziehen,  die  Kreditnaturalwirtschaft  mit  der  Kreditgeldwirtschaft
zu  vergleichen  und  derlei  mehr.  Es  läßt  sich  die  Frage  aufwerfen,  wie  und
ob  sich  Überproduktionskrisen  in  einer  Naturalwirtschaft  einstellen  können,  die
z.  B.  rein  marktmäßig  organisiert  ist,  und  man  würde  auf  diese  Weise  dazu
kommen,  festzustellen,  ob  dieselben  etwa  an  die  Geldordnung  als  solche  oder
an  den  Marktverkehr  gebunden  sind,  vielleicht  auch  nur  an  den  Marktverkehr
der  Qeldwirtschaft  oder  an  anderes.  Kurzum,  die  Breite  der  Erörterungen
würde  so  erheblich  zunehmen.  Die  Frage  der  Vorratswirtschaft,  der
Magazinsysteme,  der  staatlichen  Rohstoffmonopole  und
vieles  andere  könnten  einmal  geldwirtschaftlich,  dann  wieder  naturalwirtschaftlich ­
  analysiert  werden,  anschließend  daran  könnte  man  diese  Probleme  im
®)  F.  Preisigke,  Girowesen  im  griechischen  Ägypten,  enthaltend  Korngiro, ­
  Geldgiro,  Girobanknotariat  mit  Einschluß  des  Archivwesens.
IC)  Vergl.  das  wichtige  Werk  von  Carl  Frhrn.  v.  Hook,  Die  Finanzen
und  die  Finanzgeschichte  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.