Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

221

XVI.
Technik  und  Wirtschaftsordnung.
(1919.)
Techniker  und  Volkswirte  zu  gemeinsamer  Arbeit  vereinigen  ist
heute  eine  drängende  Aufgabe.  Dazu  müssen  freilich  die  Geister  erst  vorbereitet ­
  werden.  Die  technische  Vorbildung  breiter  Kreise  ist  eine  unzulängliche,
wenn  auch  immerhin  die  Mittelschulen  manches  auf  diesem  Gebiete,  insbesondere ­
  im  Rahmen  des  Physikunterrichtes,  leisten.  Dagegen  liegt  die  volkswirtschaftliche ­
  Bildung  ganz  im  argen  ;  unser  Schulsystem  kennt  die  Volkswirtschaftslehre ­
  als  Unterrichtsgegenstand  nicht.  Und  dennoch  fordert  heute
die  gesellschaftliche  Neugestaltung  von  jedem  Einzelnen  ein  erhebliches  Maß
volkswirtschaftlicher  Einsicht.  So  gut  es  geht,  wird  man  durch  Vorträge,
Lehrkurse,  Museen  und  andere  Hilfsmittel  der  Darstellung  den  heute  schon
Gereiften  ersetzen  müssen,  was  ihnen  durch  Jahrzehnte  vorenthalten  wurde.
Die  wirtschaftstheoretischen  Erörterungen,  welche  im  Streit  der  Schulen
eine  wichtige  Rolle  spielten,  werden  dabei  zurücktreten  müssen!  Es  bedarf
einer  gewissen  unmittelbaren  Anschauung  von  den  Grundlagen  des  Wirtschaftens
  und  seiner  organisatorischen  Eigentümlichkeiten.  Während  technische
und  technologische  Vorträge,  Ausstellungen  und  Veröffentlichungen  zu
zeigen  haben,  wie  die  Naturkräfte  nutzbar  gemacht  werden,  wie  aus  einer  bestimmten ­
  Menge  Holz  durch  Anwendung  gewisser  Maschinen  und  Methoden
etwa  eine  bestimmte  Menge  Papiergarngewebe  hergestellt  werden  kann,  hat
die  Wirtschafts  betrachtung  zu  zeigen,  wie  die  Wälder  eines  Staates  für
die  Papiergewinnung  ausgenützt  werden,  welche  Waldmengen  infolge  der  Errichtung ­
  von  Papierfabriken  herangezogen  werden,  auf  welche  Weise  Einrichtungen, ­
  etwa  Zölle,  die  Grundbesitzverteilung  oder  der  Kredit  hiebei  eine
ausschlaggebende  Rolle  spielen.
Die  technischen  und  wirtschaftlichen  Erscheinungen  hängen  aufs  innigste
miteinander  zusammen,  nicht  bloß  äußerlich,  indem  etwa  die  technischen  Vorgänge ­
  gewissermaßen  Elemente  der  Wirtschaft  sind;  nein,  es  liegt  eine  tiefergehende ­
  Gemeinsamkeit  vor,  welche  technischem  und  wirtschaftlichem  Denken
eignet.  Das  Zeitalter,  welches  jetzt  anbricht,  wird  gerade  durch  dies  Ineinandergreifen
  und  Zusammenwirken  technischen  und  wirtschaftlichen  Denkens ­
  und  Schaffens  gekennzeichnet  sein.  Wenn  wir  von  „T  e  c  h  n  i  k“  sprechen,
so  haben  wir  immer  eine  bewußte  Gestaltung  im  Auge,  deren  Ziel  und
Weg  klar  beschrieben,  womöglich  berechnet  werden  kann.  Dadurch  unterscheidet ­
  sich  die  Technik  von  der  Kunst,  welche  mit  unbewußten  Teilhandlungen ­
  und  nicht  näher  bestimmbaren  Allgemeinfolgen  rechnen  muß.  Die
ästhetischen  Wirkungen  einer  Kirche,  eines  Bildes  sind  nicht  in  derselben  Weise
theoretisch  ableitbar,  wie  etwa  die  Hubwirkungen  einer  Pumpe.  Die  Technik
bringt  eine  Auswahl  aus  den  Kausalzusammeinhängen,  mit  denen  sich  die
Physik  und  Chemie  beschäftigt.  Unter  Technik  schlechthin  versteht  man  vor
allem  die  bewußte  Anwendung  der  chemischen  und  physikalischen  Kräfte,
doch  kann  man  auch  von  Biotechnik  reden  und  meint  dann  die  systematische
Beeinflussung  der  Lebenserscheinungen;  in  gleichem  Sinne  gibt  es  eine  Gesundheitstechnik, ­
  die  man  Hygiene  zu  nennen  pflegt.  Wir  können  aber  den
Ausdruck  noch  weiter  fassen  und  die  bewußte  Gestaltung  der  menschlichen
Gesellschaft  diesen  Techniken  zu  ordnen  und  so  von  einer  Gesellschaftstechnik ­
  sprechen,  zu  der  dann  auch  die  Wirtschaft  zählt.
Wir  sprechen  hier  von  „Wirtschaft“  in  einem  so  allgemeinen  Sinne,
daß  ebenso  das  Dasein  eines  Negerstammes  wie  jenes  unserer  Kultur  damit
umspannt  ist.  Hier  wie  dort  können  wir  die  Frage  stellen:  Welche  Lebens-
            
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