Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Eine  gesellschaftstechnische  Konstruktion  behandelt  unsere  ganze  Gesellschaft, ­
  vor  allem  unsere  Wirtschaft,  ähnlich  wie  einen  riesigen  Betrieb.  Der
Gesellschaftstechniker,  welcher  sich  auf  seine  Arbeit  versteht  und  eine  Konstruktion ­
  liefern  will,  die  für  praktische  Zwecke  als  erste  Anleitung  verwendbar ­
  sein  soll,  muß  die  seelischen  Eigenschaften  des  Menschen,  seine  Lust
am  Neuen,  seinen  Ehrgeiz,  sein  Hängen  an  der  Überlieferung,  seinen  Eigensinn, ­
  seine  Dummheit,  kurz,  alles,  was  ihm  eignet  und  sein  gesellschaftliches
Handeln  im  Rahmen  der  Wirtschaft  bestimmt,  genau  so  berücksichtigen,  wie
etwa  der  Ingenieur  die  Elastizität  des  Eisens,  die  Bruchfestigkeit  des  Kupfers,
die  Farbe  des  Glases  und  ähnliches  mehr.  Die  Hebel  und  Schrauben  der
Lebensordnung  sind  gar  sonderlicher  und  feiner  Art.  Aber  die  Schwierigkeit ­
  der  Aufgabe  hat  noch  nie  einen  mutigen  Denker  und  Tatmann  geschreckt.
Fragen  wir  uns  nun,  was  wir  von  dieser  Entwicklung  der  Gesellschaftstechnik ­
  zu  erwarten  haben,  was  für  Wege  sie  unserem  Denken  und  Tun  eröffnet, ­
  Wenn  wir  z.  B,  die  Frage  aufwerfen,  wie  eine  Gesellschaftsordnung
beschaffen  sein  müsse,  in  welcher  es  keine  Hungernden  gebe,  keine  Kreditkrisen, ­
  keine  Lebenslagen,  welche  durch  Glück  und  Vorrecht  bestimmt  sind,
so  können  wir  mehrere  gleich  richtige  Lösungen  unter  ganz  bestimmten
Voraussetzungen  finden.  Wenn  wir  etwa  fragen,  welche  Lebensordnung  wir
in  den  nächsten  Jahrzehnten  zu  erwarten  haben,  so  müssen  wir  grundsätzlich
mehrere  Antworten  geben,  da  ja  infolge  unserer  unzulänglichen  Einsicht  in  die
Voraussetzungen  des  Geschehens  sich  uns  mehrere  Möglichkeiten  darbieten.
Bisher  fehlte  eine  derartige  wissenschaftliche  Behandlung  der  Fragestellung.
Man  erdachte  gemeinhin  nicht  ganze  Gruppen  von  Utopien,  sondern
schuf  meist  eine  einzelne  Utopie  aus  einer  grundsätzlich  unwissenschaftlichen
Seelenstimmung  heraus.  Schreck-  und  Lockbilder  waren  die  Utopien,  um  die
Menschen  zu  bestimmtem  Tun  anzutreiben.  Oft  waren  sie  auch  nur  Phantasiestücke, ­
  um  die  Leser  zu  belustigen  oder  zu  belehren.  Insbesondere  in  Zeitaltern ­
  einer  strengen  Zensur  war  die  Utopie  nicht  selten  der  Ausweg  für
revolutionäre  und  satirische  Gedankengänge,  In  Bildern  fremder  Völker,  märchenhafter ­
  Gemeinschaften  sah  man  sein  eigenes  Geschick.  Oft  mengen  sich
die  verschiedenen  Ziele  und  Wirkungen  der  Utopien  und  verhindern  eine  einfache ­
  Gliederung  in  wenige  Gruppen.  Sie  gleichen  so  der  Welt  und  den  Träumen, ­
  deren  Vielgestalt  auch  solchen  Bemühens  spottet.
Deutlicher  heben  sich  jene  Utopien  ab,  welche  die  nächste  Gegenwart  zu
beschreiben  unternehmen  und  als  Prophezeihungen  auftreten,  die  gleichzeitig
die  Ursachen  ihrer  eigenen  Verwirklichung  werden  wollen.  Sie  sind  es
vor  allem,  die  zur  streng  wissenschaftlichen  Arbeit  Anlaß  geben.  Oder  ist
es  etwa  nicht  Wissenschaft,  wenn  Ballod-Antlanticus  und  Popper-Lynkeus,  gestützt ­
  auf  die  Hilfsmittel  der  modernen  Statistik,  ausrechnen,  wie  viel  Jahre
jeder  Mensch  in  Deutschland  arbeiten  müsse,  damit  der  Notbedarf  der  Nation
gedeckt  werden  kann?  Bisher  hat  die  Wirtschaftslehre  solchen  Versuchen
teils  ablehnend,  teils  verständnislos  gegenübergestanden.  Ja  gelegentlich  wurde
die  Beschäftigung  mit  zukünftigen  und  möglichen  Wirtschaftsordnungen  als
wesentlich  unwissenschaftlich  betrachtet,  obgleich  doch  gerade  die  so  erfolgreiche ­
  Maschinentechnik  ganz  bewußt  neue  Formen  konstruiert,  die  nie  vorher
bestanden  haben.  Die  Utopien  wurden  in  die  Geschichte  der  Wirtschaftslehre
verwiesen,  während  sie  in  die  Theorie  hineingehörten,  so  wie  die  Konstruktion
neuer  Brücken  und  Flugzeuge  in  der  Theorie  des  Maschinenbaus  abgehandelt
wird.  Freilich,  Ballod-Atlanticus  und  Popper-Lynkeus  haben  nur  eine  Möglichkeit ­
  durchgerechnet,  haben  nur  eine  einzige  Konstruktion  versucht  und  nur
eine  Naturalrechnung  vorgelegt,  aus  der  zu  entnehmen  ist,  wie  viel  Wohnraum,
  wie  viel  Nahrung,  wie  viel  Kleidung  aus  wie  viel  Rohstoffen  unter
Zuhilfenahme  von  wie  viel  Arbeitszeit  geschaffen  werden  kann.  Es  wäre
wissenschaftlich  vollkommener,  wenn  sie  mehrere  Möglichkeiten  behandelten.
Jeder  Fabrikleiter,  jeder  gut  geschulte  Landwirt,  der  die  technischen
Grundlagen  seines  Betriebes  überschauen  will,  arbeitet  nach  Art  von  Ballod
und  Popper;  sollte  die  Volkswirtschaft,  die  Weltwirtschaft  einer  solchen  Behandlung ­
  unzugänglich  sein?  Freilich,  ein  Zeitalter,  das  an  der  Geldrechnung
hängt,  das  vom  freien  Wettbewerb,  von  der  Planlosigkeit  des  Marktes  mehr
            
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