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Westfalen und am Rhein im 18. Jahrhundert hörte die Hollandgängerei nicht auf.
Der gute Verdienst, den diese brachte, war für viele Leute ein unentbehrliches
Mittel für ihre spätere Seßhaftigkeit. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten des
18. Jahrhunderts nahm infolge des Rückgangs der niederländischen Industrie, mit
der die Freimachung vieler einheimischen Arbeitskräfte für die dortige Landwirt-
schaft sich verband, die Hollandgängerei ab!). {441% ji
$ 3. Die Fischerei.
Eine eigentümliche Stellung inmitten der niederländischen
Volkswirtschaft nimmt die Seefischerei ein. Sie gehört sowohl der
Seeschiffahrt wie dem Handel wie endlich der Industrie und dem
Gewerbe an. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß ursprüng-
lich wohl die mangelnde Nahrung auf dem Lande die Männer hin-
austrieb, um durch Fischfang diesen Mangel zu ergänzen. In der
hier behandelten Zeit hielt diese Erwägung der Selbsterhaltung
wohl dem Handelsinteresse, das sich mit der Fischerei verknüpfte,
das Gleichgewicht.
Weitaus an der Spitze der Fischerei stand die He-
ringsfischerei; sie hat von jeher als die Goldgrube Hol-
lands gegolten, als die Grundlage der Blüte des Landes, als wich-
tigste wirtschaftliche Quelle seines Wohlstandes. Sie war weit
älter als die Republik, erhieltfaber erst, unter dieser
den Umfang und den durch die Gesetzgebung geregelten Gang,
der ihr innerhalb des niederländischen Wirtschaftslebens für Jahr-
hunderte ihre hervorragende Stellung schaffte. Über die Fischerei
sind wir daher auch weit besser unterrichtet als über die eigent-
liche Schiffahrt; diese war frei und unterlag keinen wesentlichen
gesetzlichen Bestimmungen; die Fischerei dagegen war, infolge
ihrer engen Beziehungen zum Handel und Gewerbe, schon seit
alter Zeit ein Gegenstand eifriger Fürsorge der Obrigkeit gewesen
und deshalb ein in allen Einzelheiten des Betriebes und der
Technik vor der breiten Öffentlichkeit bekanntes Gebiet.
Für keinen Artikel des niederländischen Handelsverkehrs und
Gewerbes sind so eingehende Bestimmungen getroffen worden wie
1) Noch Luzac, IV, 270 (1783) schrieb: ohne die Osnabrücker und
Münsterschen Bauern, die jährlich nach Holland kämen zum Ausschlammen und
Mähen, sei man nicht imstande, Torf zu machen, Heu zu gewinnen und das Korn
einzusammeln;