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zum Teil auf Umwegen den inländischen Kaufleuten, Industriellen und Agrariern
zu, die mit ihrer Hilfe z. B. Rohstoffe und Maschinen importieren können. Mit
Hilfe einer Ausländsanleihe beschaffte sich seinerzeit Österreich-Ungarn Gold,
um die Goldwährung einführen zu können.
Im letzten Jahrzehnt dienen Ausländsanleihen immer häufiger dazu, um
Waren im Auslande zu beschaffen. Dies gilt insbesondere von Anleihen,
welche die militärischen Rüstungen kleinerer Staaten zu fördern bestimmt sind.
Serbien z. B. erhielt von Frankreich Geld unter der Bedingung, daß Schneider-
Creuzot Bestellungen zugewiesen bekomme. Der Gläubigerstaat kreditiert so
eigentlich Waren lund erhält Geld zurück. Die Anleihe dient so indirekt dem
Gläubigerstaat dazu, die eigene Industrie zu heben, die des Schuldnerstaates
kann darunter leiden. Diese Beobachtung hat man bereits im Zeitalter der
Napoleonischen Kriege gemacht, als England die Subsidien an die Kontinental
staaten in Waren zahlte. Durch die Mengen von Kanonen, Gewehren, Patronen,
Pulver usw., die so auf den Kontinent geschickt wurden, litt die kontinentale
Kriegsmittelfabrikation. Wenn man die Anleihen in demselben Lande ausgibt,
in dem man sie aufgenommen hat, ändert sich durch die Anleiheaufnahme der
Zinsfuß nicht wesentlich. Die Gelder, welche ein Teil der Bürger dem fremden
Staat zur Verfügung stellt, werden von diesem Staat anderen Bürgern wieder
ausbezahlt. Damit aber in dem Zeitraum zwischen der Anleiheaufnahme und
der Ausgabe der eingenommenen Gelder keine Zinsfußerhöhung eintritt, kann
der Schuldnerstaat — was z. B. Rußland in Frankreich getan hat — die Gelder
in einer Bank anlegen, welche dieselben sofort kurzfristig zu verleihen vermag.
Wir sehen aus dem Bisherigen, daß die Ausländsanleihen entweder das
Gold oder die Devisen der Notenbank des Schuldnerstaates zuführen, oder den
Industriellen, Agrariern usw. des Schuldnerstaates, um ihnen die Beschaffung
auswärtiger Waren zu ermöglichen, oder schließlich Ausländern. Dabei kann
auch der Fall Vorkommen, daß Gelder, welche in Frankreich bezogen wurden,
in England zu Zahlungen dienen. Dies würde dem Zinsfuß in Paris eine stei
gende, in London eine sinkende Tendenz geben. Das insbesondere von Rußland
während des russisch-japanischen Krieges befolgte Prinzip, Ausländsanleihen
zu Auslandszahlungen zu verwenden, war bereits dem 18. Jahrhundert bekannt.
Struensee, ein Minister Friedrichs des Großen, schreibt z. B. : „Zuletzt bleibt
kein ander Hilfsmittel, als eine auswärtige Anleihe nach richtigen Grundsätzen
zu unternehmen. Es wäre also immer unschädlicher und mit geringerem Ver
luste verbunden gewesen, wenn man sogleich das Geld zu den erforderlichen
Ausgaben in der Fremde aufgenommen hätte. Alsdann wäre wenigstens der
Verlust aus dem nachteiligen Wechselpreise ganz weggefallen. Jeder sieht
sogleich ein, daß man in der Fremde nur mit dem Gelde der Welt, nicht mit
Landesmünze bezahlen kann. In der Welt gibt es aber gar kein ander Geld
als Gold und Silber, wogegen die Landesmünze ohne allen Nachteil Papier
sein kann.“
Wenn ein Staat in einem anderen eine Anleihe aufnimmt, so sind die
Gläubiger Bankiers oder sonstige Privatleute ; dennoch muß mit der Regierung
dieser Geldgeber verhandelt werden, weil Anleihen als ein Politikum
angesehen werden. Die Regierung kann dabei eingreifen, indem sie auf die
Bankiers einwirkt, sie kann aber auch der Anleihe die Notierung an der Börse
verweigern, was den Absatz überaus verringert. Wie solche Verhandlungen
durchgeführt werden, konnten wir in der letzten Zeit mehrfach beobachten.
Ich erinnere nur daran, wie der ungarischen Anleihe der Pariser Markt ver
schlossen wurde, weil man in Frankreich die Rüstungen des Dreibundes nicht
unterstützen wollte. Bekannt sind auch die Verhandlungen, welche China
wegen der Fünfmächteanleihe führen mußte, bei denen die Politik keine geringe
Rolle spielte. Die Geldmärkte sind nicht frei miteinander kom
munizierende Gefäße, wie man sich das zuweilen denkt. Es kann
ganz gut in einem Lande der Zinsfuß hoch, im anderen niedrig sein, und den^
noch strömt das Geld nicht in entsprechender Menge vom Markte mit niedrigem
Zinsfuß zum Markte mit hohem Zinsfuß hin, wenn die politische Spannung
zwischen den beiden Ländern groß ist. Der Zinsfuß kann z. B. hoch sein,
weil der Gläubigerstaat dem kreditsuchenden Staat nicht entgegenkommen, um-