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Nun ist aber bekannt, daß die Höhe der Grundrente von der
Höhe der Getreidepreise abhängt, und es gilt erst zu erklären,
warum in Amerika niedrige Getreidepreise waren. Ebenso be
sagt der Hinweis auf die Verbilligung der Frachtpreise nichts;
denn es fand doch keine Ausfuhr von Getreide aus Europa nach
Amerika statt, sondern umgekehrt. Warum konnte aber gerade
Amerika sein Getreide billig verkaufen und es nach Europa ver
schiffen?
„Eine noch viel wichtigere Bedingung der amerikanischen Kon
kurrenz,“ sagt Parvus weiter, „war die europäische Aus
wanderung. Ohne den Menschenstrom, der sich aus Europa
ergoß, wären jene Gebiete gar nicht einmal in Anbau genommen
worden. Und das ist das entscheidende Moment. Es waren der
irische Pächter und der deutsche Bauer, die die ameri
kanische Getreidekonkurrenz geschaffen haben.“
(Ebenda.)
Ja, warum waren denn die deutschen Bauern und irischen
Pächter außerstande, in ihrer Heimat soviel zu produzieren, wie
in Amerika, von wo aus sie auch ihre Heimat mit Getreide ver
sorgen? Dabei können sie dies tun trotz den niedrigen Boden
erträgen in Amerika!
Dieselben Argumente wie Parvus führt auch Kautsky in seiner
„Agrarfrage“ an. Er fügt dem nur noch hinzu, daß der jungfräu
liche Boden Amerikas keine Düngung erfordere. Auch dieses Argu
ment ist nicht stichhaltig. Denn der amerikanische Boden „er
fordert“ ebensogut Düngung wie der europäische. Die niedrigen
Ernteerträge Amerikas beweisen nur, daß die amerikanischen
Landwirte die Düngung unvorteilhaft finden.
Weder Kautsky noch Parvus sehen die wahre Ursache der
transozeanischen Konkurrenz. Und dennoch genügt es, die oben
angeführte Tabelle zu betrachten, um diese Ursache herauszu
finden. Während das Territorium der Vereinigten Staaten das eines
jeden der europäischen Staaten um das Mehrfache übertrifft, wird
es von einer geringeren Anzahl Personen kultiviert als dasjenige
in vielen dicht bevölkerten „Industrieländern“. Diese wenigen
landwirtschaftlich Erwerbstätigen können selbstredend den Boden