257
Aus der Gemeindewirtschaft mit dem Herrengute an der Spitze
scheidet zunächst das Handwerk aus. Später sammelt sich das
Gewerbe in den Städten. Der Umfang des Gewerbes hängt noch
vom Grad der Ausbeutung der Bauern durch die Gutsherren ab.
Denn von diesem Teile der den Bauern genommenen Produkte
lebten auch die Handwerker.
Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion werden
sogar die Lebensmittel, mit Ausnahme von Getreide, Gemüse usw.,
in der Stadt hergestellt. Damit tritt noch eine stärkere Verschie
bung in der Verteilung der Produktivkräfte zwischen Land und
Stadt ein. Infolgedessen wandert ein Teil der landwirtschaftlichen
Bevölkerung nach der Stadt ab. Dieser Prozeß wird noch durch
die transozeanische Konkurrenz gefördert. Die Folge davon ist
ein Sinken der Löhne in den Gegenden, aus denen die Produktiv
kräfte abwandern, und ein Steigen der Löhne in Gegenden, wo sich
die Produktivkräfte entwickeln. Deshalb zieht auch die ländliche
Bevölkerung nach der Stadt, um einen höheren Arbeitslohn zu
erhalten.
Die Flucht der ländlichen Arbeiter ist von allen bemerkt wor
den, und welche Erklärungen dieser Erscheinung haben wir nicht
gehabt! Allein die Hauptursache, auf die wir hingewiesen haben,
wird übersehen. So schreibt Sombart die Tatsache, daß der Ar
beitslohn in der Landwirtschaft die Tendenz hat, hinter demjeni
gen in der Industrie zurückzubleiben, dem Eingehen der Grund
rente in die Produktionskosten und der dadurch gesenkten Profit
rate zu.*) Einmal vergißt Sombart, daß diese Tendenz bloß in
den dicht bevölkerten Gegenden existiert. Dann aber ist die ganze
„Erklärung“ sehr hinfällig. Wenn es gilt, die Rente zu erklären,
so wird ihre Höhe gewöhnlich durch den Abzug des Profits und
der Produktionskosten von dem Gesamtpreis der Produkte be
stimmt, Wenn aber Sombart den niedrigen Arbeitslohn erklären
will, so beruft er sich auf den niedrigen Profit, der um die Rente
gekürzt wird. Warum ist der Arbeitslohn der Ackerbauer ebenso
wie der Profit in einer extensiven Wirtschaft hoch? Allerdings ist
*) „Moderner Kapitalismus“, II, S. 235—236.
Mass low. Die Theorie d. Volkswirtsch.
17