Full text: Die Theorie der Volkswirtschaft

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VI. 
Die Tatsache, daß bei sukzessivem Arbeitsaufwand auf dem 
selben Boden die Arbeitsproduktivität sinkt, wird auch von den 
Volkswirten ungenau beleuchtet, die sie anerkennen. Dies er 
klärt sich dadurch, daß diese Tatsache ohne Zusammenhang mit 
den Wirtschaftssystemen betrachtet wird, in denen der Arbeits 
aufwand auf einer Bodeneinheit seinen Ausdruck findet. So ist 
dieser Arbeitsaufwand auf die Bodenbestellung bei den Jägern, 
in der wilden Viehzucht- und Forstwirtschaft gleich null. Arbeit 
wird nur für den Tier fang, die Viehhütung, das Holzfällen usw. 
aufgewendet. Es ist nun selbstverständlich, daß in so einer Vieh 
zuchtwirtschaft, wo das Gras ohne jede menschliche Arbeit 
wächst, der Arbeitsaufwand verhältnismäßig sehr gering ist. 
Den Volkswirten aber, die bloß die intensivere Wirtschaftskultur 
Westeuropas beobachten, scheint es, daß zuerst die neuen 
Arbeitsaufwände auf derselben Bodenfläche noch von einer er 
höhten Arbeitsproduktivität begleitet sind und daß die Arbeits 
produktivität erst von einem bestimmten Punkte an zu sinken be 
ginnt. Sie stellen sich gewöhnlich die Sache so vor, daß der erst 
malige Arbeitsaufwand drei Einheiten von Produkten, der zweite 
— 4 und der dritte — 5, die folgenden Arbeitsaufwände dagegen 
schon weniger Produkte einbringen.*) 
Später werden wir die Bedeutung der Tatsache, daß bei 
sukzessiven Arbeitsaufwänden die Arbeitsproduktivität sinkt, für 
die kapitalistische Gesellschaft ausführlicher untersuchen. Aber 
schon aus der Analyse der Entwicklung einzelner Wirtschafts 
systeme in Zusammenhang mit der Bevölkerungsvermehrung er 
hellt, daß die Produktivität der Arbeit bei deren sukzessiven Auf 
wendungen von Anfang an sinkt. Denn sonst würde es eine exten 
sive Wirtschaft überhaupt nicht geben; es wäre doch für jeden 
vorteilhafter, zur intensiven Kultur überzugehen, wenn die fol 
genden Arbeitsauf wände produktiver wären. 
*) So schreibt beispielsweise David (Sozialismus und Landwirt 
schaft, Berlin 1903, S. 615: „Erst von einer gewissen Intensitätsstufe ab 
wächst der Ertrag nicht mehr entsprechend dem Mehraufwand.“
	        
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