5. Die Messe von Nischni-Nowgorod einst und jetzt.
227
Sinne wesentlich, nämlich für alle die Geschäftszweige, deren Artikel einem p e -
riodisch auftretenden Konsum dienen. Es sind das teils Waren, für die
die Zeit des Bedarfs die Sommer- und Reisezeit ist, so die Bäder- und Andenken
artikel, die Reiseartikel und die Sportartikel, teils sind es Waren, deren Hauptver-
brauch auf ein paar Wintermonate beschränkt ist, so die vor Weihnachten am stärksten
gehenden Spielwaren, die Christbaumverzierungen und sonstigen Weihnachtsartikel,
wie überhaupt zahlreiche Artikel der Luxus- und Galanteriewarenbranche vornehmlich
zu Weihnachtsgeschenken gekauft zu werden pflegen, endlich auch alle jene Erzeugnisse
der Kartonnage, die ihre Bestimmung im Kotillon oder im Karneval erfüllen. Eine
große Rolle spielt dabei die Ausfuhr nach fremden Ländern mit andern Sitten und
den unsern entgegengesetzten Jahreszeiten, die die ungleichmäßige Verteilung der
Beschäftigung für den mitteleuropäischen Markt ausgleicht, so daß die Leipziger
Musterlagermessen und das durch sie ermöglichte große Exportgeschäft für alle solche
Saisonindustrien von ganz besonderer Wichtigkeit sind.
5. Die Messe von Nischni-Nowgorod einst und jetzt.
Von Gerhart v. Schulze-Gävernitz.
v. Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland. Leipzig,
Duncker & Humblot, 1899. S. 60—70.
Bei der geringen Dichte und Kaufkraft der Bevölkerung war der Handel in
Rußland bis vor kurzem Meß- und Markthandel. Wie in anderen Beziehungen,
gewähren die russischen Zustände auch in dieser Hinsicht Einblick in Verhältnisse,
die für Westeuropa den dunkelsten Perioden der Wirtschaftsgeschichte angehören,
— in die Zeit vor Entstehung der Städte. Die Kaufleute, von welchen die Bauern
die wenigen Waren ihres Bedarfes auf den ländlichen Kleinmessen kauften, bildeten
noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine wandernde Bevölkerungsklasse.
Sie verproviantierten sich auf den großen Jahrmärkten, auf welchen die Großkaufleute
und die mit dem Ausland in Beziehung stehenden Importeure erschienen. Diese
Jahrmärkte folgten der Zeit nach in der Weise aufeinander, daß die unverkauften
Waren von einem Markte auf den nächsten geschafft werden konnten. Ähnlich wie
einst die Messen der Champagne ein in sich geschlossenes System bildeten, so standen
in Rußland bis in die neueste Zeit die großrussischen und die kleinrussischen Messen
nebeneinander. In sich geschlossen, hatten beide gegenseitig wenig Beziehungen.
Rach dem Berichte des Iwan Aksakoff über die Jahrmärkte der Ukraine hatten viele
Kaufleute, welche auf den Messen Kleinrußlands verkauften, im Laufe des Jahres ihre
Waren an zwanzigmal ein- und auszupacken, um im folgenden Jahre denselben
Kreislauf von neuem anzutreten.
Auch diese größeren Messen waren keineswegs notwendig mit Städten ver
bunden: Jrbit, auf dessen Messen noch gegenwärtig an 100 000 Personen zusammen
strömen, zählt nicht mehr als 3000 ständige Einwohner; der älteste der kleinrussischen
Märkte bei Kursk lag in einer als „Einöde" bezeichneten Gegend. Klöster vielmehr
scheinen Anziehungspunkte für den Meßverkehr gebildet zu haben, wie auch in West
europa Reliquienbesitz oft zum Meßort emporhob.
Von allen Messen war und ist die Messe von Nischni-Nowgorod die
wichtigste. Diese Stadt bildet den östlichen Endpunkt des Jndustriebezirks und liegt
in einer für den Wasserverkehr außerordentlich günstigen Lage, an dem Zusammen
fluß von Wolga und Oka. Nach diesem Punkt siedelt vom 15. Juli bis 10. September
jeden Jahres der Moskauer Handel über. Von hier aus vollzieht sich die Verteilung