Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

382  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.

„Es  herrschte  damals  noch  zwischen  Wissenschaft  und  Technik  eine  unüberbrückbare ­
  Kluft.  Zwar  hatte  der  verdienstvolle  Beuth,  der  wohl  unbestreitbar  als  Gründer
der  norddeutschen  Technik  anzuerkennen  ist,  im  Berliner  Gewerbeinstitut  eine  Anstalt
geschaffen,  die  in  erster  Linie  zur  Verbreitung  wissenschaftlicher  Kenntnisse  unter  den
jungen  Technikern  bestimmt  war.  Die  Wirkungsdauer  dieses  Instituts,  aus  dem
später  die  Gewerbeakademie  und  schließlich  die  Charlottenburger  Technische  Hochschule
hervorging,  war  aber  noch  zu  kurz  zur  Erhöhung  des  Niveaus  der  Bildung  bei  den
damaligen  Gewerbetreibenden."
In  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts,  ja  man  kann  sagen  in  der
ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  herrschte  in  Deutschland  ein  Mangel  an  wissenschaftlich ­
  gebildeten  Ingenieuren.
Damals  aber  hielt  die  neue  Maschinentechnik  ihren  Einzug ­
  in  das  Leben  des  Staates.
Der  Staat  selbst  hatte  große  Maschinenanlagen  zu  errichten  und  zu  verwalten.
Ferner  war  das  neue  technische  Fachschulwesen  zu  regeln.  Realschulen  waren  einzurichten, ­
  weil  die  Elementarbildung  den  neuen  Verhältnissen  angepaßt  werden
mußte.  Die  neuartigen  Verhältnisse  der  Industrie  waren  zu  ordnen,  die  Beziehungen
zum  Handwerk  zu  regeln;  das  Patentwesen  mußte  begründet  werden.  Die  Gewerbesteuern ­
  waren  zu  reformieren.  Uber  die  seit  1815  schnell  zunehmenden  Straßen-  und
Brückenbauten  war  zu  entscheiden;  die  Verwaltung  des  Verkehrs  war  zu  organisieren.
Dann  kam  in  den  dreißiger  Jahren  das  Eisenbahnwesen,  in  den  vierziger  Jahren  das
Telegraphenwesen  mit  hundert  Aufgaben  und  hundert  Forderungen,  dazu  soziale  Aufgaben ­
  mancherlei  Art.
Alles  das  trat  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  an  die  deutschen  Staaten
heran.
Wer  sollte  diese  Aufgaben,  die  mit  der  neuen  Technik  zweifellos  eng  zusammenhingen, ­
  erfüllen?  An  wissenschaftlich  gebildeten  Ingenieuren  herrschte  Mangel.  Also
mußten  notwendig  die  juristischen  Verwaltungsbeamten  alles  dies  übernehmen.  Es
gab  gar  keinen  anderen  Weg.  Die  juristische  Verwaltung  tat  einfach  ihre  Pflicht,
als  sie  die  neuen,  fremden  Gebiete  übernahm.  Die  Techniker  aber  dienten  ihnen
als  Gehülfen.
So  ist  der  Zustand  geworden,  den  heute  viele  beklagen.  Die  Notwendigkeit  hat
ihn  geschaffen;  von  Ungerechtigkeit  und  Vergewaltigung  kann  niemand  sprechen.  Den
Juristen,  den  Medizinern,  den  Philologen,  den  Theologen  ist  von  alters  her  ein  bestimmtes ­
  Gebiet  im  Staat  und  in  der  Gesellschaft  gesichert.  Den  Ingenieuren  aber  ist
das  Los  gefallen,  Eroberer  zu  werden  im  eigenen  Vaterlande.
Das  Schicksal  zu  schelten,  haben  die  deutschen  Ingenieure  keine  Ursache.  Denn
in  dem  harten  Ringen,  es  den  begünstigten  Berufen  gleichzutun,  sind  die  technischen
Hochschulen  groß  geworden.  In  der  ganzen  Welt  sind  heute  die  technischen  Hochschulen ­
  Deutschlands  berühmt,  weil  hier  wissenschaftliche  Forschung  und  praktische
Tätigkeit  Hand  in  Hand  gehen.  Viele  Ausländer  pilgern  nach  Charlottenburg,
Braunschweig,  Hannover,  Dresden,  München,  Stuttgart,  Darmstadt,  Aachen,  Karlsruhe, ­
  um  an  diesen  Hochschulen  zu  studieren.  In  solchen  Mengen  kommen  jetzt  die
Ausländer,  daß  man  es  sogar  für  nötig  hält,  dieser  Invasion  einen  Damm  entgegenzusetzen. ­
  Die  deutsche  Jngenieurausbildung  gilt  heute  für  die  beste  der  Welt.
Mit  dieser  schnellen  Entwickelung  hat  die  Wertung  des  Jngenieurberufes  nicht
gleichen  Schritt  halten  können.  Sicherlich  wären  die  deutschen  Hochschulingenieure
heute  befähigt,  in  der  Staatswirtschaft  mehr  zu  sein  als  bloße  Gehülfen  der  Juristen;
jedoch  die  historisch  gewordene  Rangordnung  der  Berufskreise  ändert  sich  nur  schwer
und  langsam.  Daher  besteht  in  Deutschland  eine  Spannung  zwischen  der  hohen  Ausbildung ­
  des  Jngenieurwefens  und  der  mangelnden  Anerkennung  des  Ingenieur-
            
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