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Danach kehrten aus dem Auslande während der letzten zwei
Jahre etwa 850 Millionen Rubel russischer Reichsfonds zurück 1 ).
Die Regierung hat keine Mittel, um auf dieses Element der
Zahlungsbilanz eine Wirkung auszuüben; es ist nutzlos, irgend
welche Opfer für eine positive Handelsbilanz zu bringen, sobald
der Exportüberschuß (im Verhältnis zum Import) jeden Tag nach
dem Auslande zum Einkauf russischer Wertpapiere abfließen kann.
Bei der heutigen Sachlage besitzt die Regierung nur ein Mittel
zur Regulierung einer ungünstigen Zahlungsbilanz. Und dieses
Mittel ist die Abschließung neuer Anleihen. Wir sind deshalb
der Meinung, daß die Sorge um eine günstige Zahlungsbilanz
schon in der nächsten Zeit keinen Einfluß auf die Handelspolitik
Rußlands ausüben wird.
Ganz anders steht es mit dem dritten Motiv unserer Zoll
politik — mit dem fiskalischen. Solange die Besteuerung etwa
20° 0 des Volkseinkommens absorbiert, müssen die Zölle, als eine
der bequemsten Besteuerungsformen, notwendigerweise ein Maximum
der Einnahmen gewähren. Eine radikale Herabsetzung der fiska
lischen Zölle können wir deshalb nur in Verbindung mit einer
Herabsetzung der Steuerbelastung erwarten, was aber nur dann
möglich wäre, wenn der Charakter unserer auswärtigen Politik
wesentlich geändert wird und wenn die Ausgaben für Heer und
Marine eingeschränkt werden. Solche radikalen Reformen sind
aber nur unter einem demokratischen Regime denkbar. Solange
wir ein solches nicht besitzen, sind nur relativ unbedeutende
Herabsetzungen der Zollsätze und zwar zwecks Vergrößerung der
Zolleinnahme zu erwarten. Die Zollarithmetik ist bekanntlich ein
sehr launiges Ding und größere Zolleinnahmen lassen sich
manchmal durch geringere Zollsätze erzielen. Die Vergrößerung
der Zolleinnahmen durch eine Herabsetzung der Zollsätze wurde
bis zuletzt durch die Sorge um die Handelsbilanz und durch den
generellen Protektionismus verhindert. Verschwinden diese Motive
unserer Zollpolitik von der Oberfläche, so gelangen wir zu der
Herabsetzung der Zollsätze, wie es in den Jahren 1852—1875 der
’) Diese Erscheinung steht zweifellos im Zusammenhang mit dem noch
nie dagewesenen Wachstum des russischen Exports der letzten Jahre:
Jahre
Export
Handelsbilanz
1909
1427,7 Mill. Rubel
+ 521,4 Mill. Rubel
1910
1449,1 »
+ 364,7 »
1911
1591,4 »
+ 429,7 »