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großen Ideen verkörpern. Da nun jede Partei das größte Interesse
daran hat, daß die Verteidigung und Verwirklichung ihrer Prinzipien
und Programme den tüchtigsten Männern anvertraut werden, so müßte
das Parlament nicht allein mit mathematischer Genauigkeit die ver
schiedenen Stimmungen des Landes widerspiegeln, sondern auch die
befähigtesten Vertreter dieser Meinungen enthalten. Große Entschei
dungen in der allgemeinen Staatspolitik und wichtige prinzipielle
Fragen bestimmten dann die Wahlresultate. Die Wähler würden stim
men, weil sie Liberale, Konservative oder Anhänger der Arbeiterpartei
sind; sie würden sich mit einem allgemeinen politischen Standort und
Glauben identifizieren. Allmählich müßte auch der häßlichste Zug
unseres gegenwärtigen Systems verschwinden: der Kandidat, der sei
nen Wahlkreis mit Geld bedenkt und mit festlichen Gelagen regaliert.
Hätte dann ein gewöhnlicher Volksversammlungsredner gute Aussicht,
dessen Sitz einzunehmen, so wäre dies immerhin ein Gewinn.
Der britische Geist würde sich jedoch dieser höchst einfachen
und wirkungsvollsten Form der Proportionalvertretung nicht unter
werfen. Obgleich die modernen Verkehrserleichterungen und die Ge
bietsausdehnung des Warenaustausches die sozialen lokalen Ver
schiedenheiten zerstören und in jeden Distrikt Gleichförmigkeit der
Gepflogenheiten und der Denkweise verpflanzen, so sind die geschicht
lichen Grenzen der Grafschaften und die historischen Gesinnungen
betreffs der Städte doch noch stark genug, den bestehenden politischen
Brauch, nach Wahlkreisen zu stimmen, aufrechtzuerhalten. Dagegen
macht der Umstand, daß die Parteien weithin mit Mißtrauen betrach
tet werden, den von mir diskutierten Vorschlag, wie ich befürchte, zur
Unmöglichkeit. Wir müssen deshalb andere Wege in Betracht ziehen,
auf denen die Proportionalvertretung logisch durchzuführen wäre.
Für die praktische Anwendung des Proportionalwahlsystems sind
von Zeit zu Zeit verschiedene Methoden ersonnen worden. Sie haben
um ihr Dasein kämpfen müssen; zwei überleben gegenwärtig. Die
erste Methode will an der heutigen Beschaffenheit der Wahlkreise
nichts ändern, nur sollen die Wähler auf den Wahlzetteln vermerken,
welchen Männern sie nächst ihrem Lieblingskandidaten den Vorzug
gäben. Wenn kein Bewerber eine absolute Majorität erstgradiger
Gunstbezeugungen erhalten hat, so wären die nächstfolgenden im
Range zu zählen; auf diese Weise könnte der Wille der Mehrheit kon-