Full text : Sozialismus und Regierung

Wahldebatten  sein.  Das  Volk  muß  bei  Wahlen  nicht  nur  für  einen  Vertreter, ­
  sondern  für  eine  politische  Gruppierung  stimmen.  Es  ist  ebenso
wesentlich,  daß  sich  die  Wähler  für  einen  Bewerber  entscheiden,  von
dem  man  weiß,  er  werde  mit  einer  bekannten  Gruppe  arbeiten,  als  daß
sie  einem  Kandidaten  die  Stimme  geben,  der  bestimmte  Reformen  versprochen ­
  hat.  Das  demokratische  Erküren  ist  nicht  allein  eine  Personenfrage, ­
  sondern  nicht  minder  eine  Gruppenangelegenheit.  Demokratie ­
  bedeutet,  daß  man  nicht  nur  einen  Vertreter,  sondern  eine  Regierung ­
  zu  wählen  hat.
Man  möge  mir  gestatten,  daß  ich  meine  Behauptung  erhärte,  indem
ich  das  Schicksal  der  Temperenzlerstimmen  unter  der  Verhältniswahl
durch  alle  seine  Stadien  verfolge.  Die  wahlfähigen  Temperenzler  würden ­
  in  den  großen,  für  die  Zwecke  der  Proportionalvertretung  geschaffenen ­
  Wahlkreisen  ziemlich  geschlossen  für  den  Kandidaten  der  Mäßigkeitsbewegung ­
  ins  Feuer  rücken,  und  mehrere  dieser  Bewerber  würden
auch  gewählt  werden.  Diese  Abgeordneten  hätten  im  Parlament  irgendeiner ­
  Regierung  ihre  Unterstützung  zu  geben.  Sie  hätten  Abmachungen ­
  zu  treffen,  doch  würden  die  Notwendigkeiten  der  Sache  nicht  erlauben, ­
  das  Übereinkommen  so  zu  stipulieren,  daß  die  Temperenzler
der  Regierung  nur  dann  zu  folgen  hätten,  wenn  sie  sich  mit  den  Bestrebungen ­
  der  Mäßigkeitsvereinler  befasse.  Vielmehr  hätte  das  Abkommen ­
  so  zu  lauten,  daß,  wenn  die  Regierung  während  ihrer  Amtsdauer
Gesetzentwürfe  hinsichtlich  des  Temperenzlertums  einbrächte,  die
Temperenzler  ihr  auch  in  allen  ihren  übrigen  Unternehmungen  zur
Seite  zu  stehen  hätten.  Eine  Regierung  muß  die  allgemeine  Unterstützung ­
  der  mit  ihr  alliiertenGruppen  haben  .Nun  wollen  wir  annehmen,
das  Wahrscheinlichste  träfe  ein:  die  Temperenzlerabgeordneten  verständigten ­
  sich  mit  einer  liberalen  Kombination.  Auf  einen  einzigen
Programmpunkt  hin  wären  sie  gewählt  worden,  aber  sie  haben  als  V  erdeter ­
  nicht  allein  allgemeine  Befugnisse,  über  alles  und  jedes  Gesetz
zu  beschließen,  sondern  sie  sind  hierzu  auch  verpflichtet.  In  Fragen  der
allgemeinen  Politik  würde  jedoch  ein  Teil  ihrer  Anhänger  nicht  für  sie
gestimmt  haben.  Sie  wären  durch  eine  Kombination  gewählt  worden,  die
nicht  existierte,  mit  Ausnahme  des  einen  Punktes,  auf  den  hin  sie  allein
deputiert  worden  wären.  Über  alle  anderen  Fragen  sind  sie  Autokraten
nnd  haben  keine  Vollmacht,  im  Namen  ihrer  Wähler  zu  sprechen.
Unter  dem  heutigen  Systeme  würden  diese  Wähler  ihre  Stimmen  auf
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