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scher Geist würde ihre Aktionen leiten, und die Summe ihrer Arbeit
wäre fragmentarisch, wie es überall der Fall ist, wo sich das System der
Regierung durch Gruppen eingebürgert hat.
Ein System der Proportionalvertretung wird demnach die Schwierig
keiten eher verschärfen als beseitigen, die in der Tatsache wurzeln, daß
Regierungen des wirklichen repräsentativen Charakters ermangeln
können. Es ist eine Wahlmethode, die Vertretung von Bruchteilen
politischen Denkens und politischer Sehnsucht zu sichern und diese ab
gerissenen Teile anzureizen, sich nach und nicht vor der Wahl zu ver
binden. In Zeiten politischer Wandlungen, wenn sich alte Parteien
zersetzen, werden sie vom Geist des Sektenwesens als einem ihrer Auf
lösungssymptome aufgewühlt. Jede ihrer einzelnen Gruppen versenkt
sich in ihr eigenes Universalmittel ohne irgendwelche Perspektive auf
größere nationale Interessen und bietet es auf den Märkten feil, wie ein
Quacksalber seine Pillen. Die Proportionalvertretung sucht diese Ubel-
stände, von denen die Perioden politischer Übergänge und Unbestän
digkeit begleitet werden, in unserem Regierungssystem zu fixieren; sie
sucht die unversöhnlichen dogmatischen Differenzierungen, die die
Elite als kostbar betrachtet, mit Nachdruck hervorzuheben und an den
Peripherien der Parteien und Parteigruppen den gegenseitigen Kreu
zungsprozeß der Anschauungen zu verhindern, der einem geordneten
und organischen sozialen Fortschritt so wesentlich ist. Unglücklich wird
das Land sein, das, nachdem es ursprünglich bessere Wege gewandelt
hat, auf jene verhängnisvolle Bahn getrieben wird, oder sie in Un
kenntnis eigenmächtig wählt 1 .
Aufrichtig stimme ich mit nicht wenigen der kritischen Ausführungen
überein, die die Proportionalisten gegen das heutige System richten.
Die größte Sorgfalt muß darüber walten, daß eine nationale Stimmen
mehrheit von der Majorität des Hauses der Gemeinen widergespiegelt
werde 2 . Dies erheischt eine häufige Grenzregulierung der Wahlkreise.
Die durch Stimmenzersplitterung herbeigeführte Repräsentation der
1 Ich habe hier nicht die praktischen Schwierigkeiten, die sich bei der Anwen
dung des Systems ergeben, erörtert. Ihrer sind viele. Der komplizierte Wahl
zettel ist bedenklich, noch ernster ist die Tatsache, daß bei der Auslese der Wahl
zettel, die nicht für die Vorzugskandidaten ersten Grades, sondern für jene zwei
ten Ranges und noch tiefer herab, zu benutzen sind, das Glück walten muß. Am
schwierigsten ist aber vielleicht vor allen Dingen die Unmöglichkeit, auf Grund
des Proportionalwahlsystems Nachwahlen zu vollziehen. 2 Obgleich der föde
rale Charakter unserer Wahlkreise dies manchmal mathematisch unmöglich
machen kann.