Full text : Sozialismus und Regierung

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trage,  wie  sie  behaupten.  Doch  dies  ist  ein  Irrtum.  Nur  wo  eine  Majorität ­
  vorhanden  ist,  kann  eine  verantwortliche  Regierung  bestehen.
Keine  Gruppe  kann  aber  heute  zur  Majorität  gehören  und  sich  morgen
wieder  von  ihr  lösen.  Die  Gruppe,  die  sich  mit  anderen  Gruppen  zur
Konstituierung  eines  Ministeriums  koaliert  hat  oder  die  trotz  ihrer  Unabhängigkeit ­
  keinen  Regierungswechsel  wünscht,  muß  die  Majorität
bei  den  verschiedensten  Gelegenheiten  beharrlich  unterstützen,  wenn
ihre  Abstimmungen  die  parlamentarische  Situation  beeinflussen.  Die
Vorstellung,  daß  es  einer  parlamentarischen  Gruppe  erlaubt  wäre,
einen  Tag  die  Regierung  zu  installieren,  um  sie  den  nächsten  Tag  wieder ­
  zu  stürzen,  ist  einfach  albern,  so  schön  sich  dieser  Gedanke  auch
auf  dem  Papiere  ausmacht.  Alles  in  allem  genommen,  scheint  mir  nun
die  außerhalb  des  Parlaments  vollzogene  Verschmelzung  der  Gruppen
weit  besser  zu  sein  als  ihre  Koalition  in  der  gesetzgebenden  Körperschaft.
Draußen  im  Lande  wird  es  ein  natürlicher  Prozeß  sein.  Alle  Gruppen  der
Linken  werden  zur  Linken  gravitieren,  die  Gruppen  der  Rechten  zur
Rechten;  sie  werden  übereinstimmend  handeln  und  denselben  allgemeinen ­
  Impulsen  gehorchen.  So  werden  sich  zwei  Parteien  bilden,  die
jede  ihren  Schwerpunkt  hat,  der  nicht  durch  das  Feilschen  parlamentarischer ­
  Dirigenten  und  durch  den  Handel  mit  parlamentarischen  Ämtern, ­
  sondern  durch  die  öffentliche  Meinung  bestimmt  wird.  Und  so
kehre  ich  zu  meinem  Argumente  zurück,  dessen  ich  mich  schon  in  einem
früheren  Kapitel  bedient  habe:  Das  System  der  Regierung  durch  Gruppen ­
  ist  nicht  so  demokratisch  als  das  durch  Parteien,  weil  dieses  den
Wählern  ein  höheres  Maß  von  direktem  Einfluß  auf  den  Charakter  der
Regierung  einräumt  als  jenes 1 .
Daß  das  System  der  Parteien  stets  der  Gefahr  ausgesetzt  ist,  in  ein
System  der  Parteigängerschaft  auszuarten,  ist  eine  seiner  Schwächen.
Bedeutend  verschärft  wird  diese  Tendenz  jetzt  durch  die  neue  Theorie
von  der  Opposition,  worüber  ich  mich  schon  verbreitet  habe.  Eine  der
tadelnswertesten  Seiten  der  so  degenerierten  Parteien  ist  ihr  Versuch,
1  Es  ist  unmöglich,  diese  Fragen  nur  abstrakt  zu  behandeln.  So  darf  man  also
nie  vergessen,  daß  Politiker,  die  sich  um  theoretische  Politik  nur  wenig  kümmern,
diese  Seiten  durchjagen  können,  um  passende  Auszüge  für  Parteizwecke  zu  finden. ­
  Ich  möchte  deshalb  kurz  erwähnen,  daß  die  Moral  dieses  Abschnittes  nun
nicht  ist,  die  Arbeiterpartei  sollte  zu  existieren  aufhören.  Sie  soll  nur  ihren  Assimilationsprozeß ­
  weiterführen,  bis  sie  eine  der  beiden  großen  Parteien  geworden  ist
oder  ihre  Grundsätze  und  Ziele  die  einer  der  beiden  großen  Parteien  geworden
sind.
            
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