121
industriellen und politischen Fürsten finden. Diese auserlesene Ver
sammlung wäre lieblich anzuschauen, nur fehlt ihr das frische, rote
Blut wirklicher Realität. Ohne historische Traditionen und ohne er
erbte alte Würde wäre sie nur ein Scheinsenat, genau so wie die Pluto-
kratie eine unechte, falsche Aristokratie ist. Ein Senat wächst, aber
er kann nicht gemacht werden; außerdem kann er nicht in einer
beliebigen Periode der nationalen Evolution erscheinen, seine Zeiten
sind vorüber. Ebensowenig wie wir die Gerichtszweikämpfe wieder
einführen können, ebensowenig können wir heute das Institut des
Senats ins Leben rufen. Die erwählten Peers würden ihre Klasse
vertreten und von deren Fleische sein. Die Männer der Wissenschaft
würden sich inmitten geadelter Brauereibesitzer so fremd fühlen und
für die legislative Arbeit so unbrauchbar sein wie bisher 1 . Die Han
delskönige wären Plutokraten, die Zivilbeamten wahrscheinlich un
bedeutende Bureaukraten. Es gibt wahrlich wenige Dinge, die die
Zukunft der Demokratie mehr schädigen könnten, als die Verleihung des
Peertitels an Zivilbeamte. Die Leute, die daheim unter der unmittel
baren Leitung von Ministern, die dem Parlamente verantwortlich sind,
ihren Dienst verrichten, mögen wohl die Fähigkeit bewahren, in Über
einstimmung mit der öffentlichen Meinung zu regieren. Aber jene Be
amten, die in Gebieten wie Indien oder Ägypten höhere Ämter über
nehmen, kehren vom Geiste des Tyrannen beseelt zurück, dessen Wille
Gesetz war und der die Masse des Volkes tief verachtet. Der Mann,
der unterworfene Völkerschaften zu beherrschen gewöhnt gewesen ist,
hat ein zu schlechtes Übungsfeld gehabt, als daß er im Repräsentan
tenkörper mitwirken könnte. Es sprechen Gründe dafür, daß solche
Reichsbeamten für das Herrenhaus nicht wählbar sein sollten, wenn
sie von ihren Prokonsulaten und Satrapien zurückgekommen sind.
Die konstitutionellen Funktionen des Hauses der Lords müssen je
doch unabhängig von seiner Zusammensetzung betrachtet werden. Von
1 Wäre dies alles, so könnte man gute Miene zum bösen Spiele machen, doch die
Wissenschaft ist bedeutend durch die Sitte geschädigt worden, die Gelehrten mit
der Pairs- und Ritterwürde zu schmücken. Siehe Whitman: Imperial Germany,
Kapitel über das „Intellectual Life“: „Der deutsche Idealismus stellt die
Wissenschaft auf ein solch hohes Piedestal, daß es fast als eine Entwürdi
gung betrachtet wird, wenn sich ihre Jünger auf das Geldverdienen legen." Auf
England zurückkommend, bemerkt er dann: „Bei uns fehlt der Wissenschaft
die ideale, vergeistigte Würde, die sie in Deutschland hat. Faraday — hierin
eine seltene Ausnahme — hält eine Tradition hoch, die leider keine Verehrer ge-
gefunden hat.“