180
den Umfang der persönlichen Freiheit auszudehnen und sie weit über
die ganze Gemeinschaft auszubreiten. Wettstreit und Ehre werden
auch jene Tage kennen, aber es wird ein Wetteifer und eine Ehre
sein, die die Wenigen anfeuern werden, ohne die Vielen in Armut zu
stürzen. Belohnungen werden aber aus jenem Überschuß des Reich
tums und der Dankbarkeit erfolgen, über den eine fleißige und glück
liche Nation stets verfügen wird.
Die Freiheit des Sozialismus wird die Freiheit des Menschen sein,
sein wahres Sein zu erfüllen, ein Sein, das soziale Ziele kennt, die sich
auf die Gesellschaft beziehen und nicht bloß persönliche sind. Doch
kann dieser Zustand erst erreicht werden, wenn die wirtschaftlichen
Bedingungen, die dies ermöglichen, geschaffen sind. Ein Mensch, der
fremdem Willen gehorchen muß, kann nicht frei sein. Wenn die Frei
heit bedingt ist, so bestimmen die Personen, die die Bedingungen kon
trollieren, auch die Freiheit. Hat jemand die Macht, seinem Nächsten
den Lebensunterhalt vorzuenthalten, so verfügt er über die Bedin
gungen von dessen Freiheit. Jene, die von der Tätigkeit eines wirt
schaftlichen Mechanismus abhängen, über den sie keine Kontrolle
haben, sind nicht frei. Dies ist eine Wahrheit, die die Liberalen, die
in wirtschaftlichen Fragen individualistisch denken, nicht gewürdigt
haben. Die Freiheit des sozialistischen Staates wird deshalb eine wirt
schaftliche sein. Um dies zu sichern, muß das Privateigentumsrecht
auf jene Eigentumsformen beschränkt werden, die für große Teile des
Volkes den Privatbesitz in irgendwelcher Art nicht unmöglich machen.
Das Dilemma zwischen individueller Freiheit und sozialer Kontrolle
mag bestehen bleiben, aber unter dem Sozialismus wird es nicht länger
eine quantitative, sondern eine qualitative Frage sein. Sie kann nicht
dadurch gelöst werden, daß man zwischen beiden Gebieten eine Linie
zieht und dann erklärt, daß diese Tätigkeitskategorie auf die eine und
j ene auf die andere Seite gehöre; denn mit Gebieten haben wir es so über
haupt nicht zu tun. Es handelt sich um Lebensbeziehungen, die sich
von Generation zu Generation verändern und die in ihrem Wechsel
nicht die Vorherrschaft des einen Interesses vor dem anderen reprä
sentieren, sondern die die von einem wachsenden sozialen Leben erfor
derten Neugestaltungen zum Ausdruck bringen. Das eigene Selbst und
die Regierung sind nur verschiedene Seiten derselben Individualität.
Wohl haben sich die politischen Philosophien stets durch den Versuch