Full text : Sozialismus und Regierung

XXII

liegende  Studie  ist  hiervon  eine  Fortsetzung.  Es  werden  in  ihr  auf  die
Politik  dieselben  Prinzipien  angewandt,  die  in  dem  eben  zitierten  Buche
entwickelt  worden  sind.  Die  vorliegenden  Betrachtungen  gehen  von
der  Annahme  aus,  daß  sich  die  Lebensentwicklung  durch  eine  Differenzierung ­
  der  Funktionen  und  eine  Integration  dieser  Funktionen  zu
einer  höheren  organischen  Einheit  vollziehe.  Die  Ununterschiedenheit
der  Masse  der  Individuen,  die  in  einem  Staate  wohnen,  wird  bestritten.
Die  Theorie  der  Hemmungseinrichtungen,  die  als  mechanische  Gewichte ­
  und  Gegengewichte  dienen  sollen,  die  Lehren  von  den  Minoritäten ­
  und  Majoritäten  und  von  der  politischen  Mathematik  werden
als  etwas  dem  Geiste  der  sozialistischen  Politik  Fremdes  betrachtet;
als  etwas,  das  Relationen  angehört,  die  nicht,  wie  die  sozialen  Beziehungen, ­
  organische  sind.
Obgleich  es  aus  meiner  ganzen  Argumentation,  wie  ich  hoffe,  deutlich ­
  hervorbricht,  so  möchte  ich  es  in  diesem  Vorworte  doch  noch  einmal ­
  kategorisch  erklären,  daß  einer  der  Gründe,  die  mich  zur  Abfassung ­
  dieses  Buches  bewegt  haben,  der  Wunsch  ist,  einige  jener  Einflüsse ­
  innerhalb  der  sozialistischen  Bewegung  zu  bekämpfen,  die  eher
den  Anarchismus  als  den  Sozialismus,  mehr  die  politische  Lähmung
als  die  administrative  Leistungsfähigkeit  begünstigen.  Ich  sympathisiere ­
  nicht  mit  denen,  die  das  Haus  der  Gemeinen  durch  ein  Betragen
degradieren  wollen,  wie  es  in  den  Londoner  „Vestries“  üblich  war.  Nach
meiner  Meinung  sollte  sich  das  Parlament  durch  Vornehmheit  auszeichnen ­
  und  Gelegenheit  zur  Distinktion  geben.  So  unliebsam  die
Erfahrung  ist,  daß  die  Zeit  flüchtigen  Fußes  vorübereilt,  während  sich
die  guten  Werke  fast  gegen  ihre  Vollendung  sträuben,  so  wenig  haushälterisch ­
  ist  es,  ein  Jahr  dadurch  malerisch  zu  gestalten,  daß  man
den  wesentlichen  Fortschritt  einer  Generation  opfert.  Auf  diese  Weise
wird  der  Sozialismus  nicht  kommen,  auf  diese  Weise  wird  sein  Erscheinen ­
  nur  verzögert.  Weil  ich  dies  zu  erklären  hoffe,  habe  ich  das
Buch  geschrieben.  Der  Himmel  wird  nicht  im  Sturm  genommen,  sondern ­
  man  erobert  ihn  durch  ehrliches  Denken,  das  sich  nicht  vor  einer
Selbstprüfung  scheut,  und  durch  die  ehrliche  Tat,  die  nicht  abgeneigt
ist,  die  Probe  vor  der  Zeit  zu  bestehen.  Schweigend,  in  der  Nacht,
wenn  die  Wächter  anderswo  hinschauen,  formt  sich  der  neue  Geist  das
Leben  nach  seinem  Bilde.  Nur  wenn  wir  eine  Periode  von  Jahren
rückwärtssehen,  können  wir  den  vollzogenen  Fortschritt  bemessen.
            
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