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haben, schicken sich an, der Gesellschaft selbst ihr Gepräge zu ver
leihen. Der Umfang der Gesetzgebung wächst jedes Jahr, was so viel
bedeutet, daß der Staat mit seinen erweiterten Beziehungen die Ver
antwortung einer Familie akzeptiert; durch seinen Geist und seine
Taten wird er einer Familie ähnlich. Neun Zehntel unserer Arbeiter
gesetzgebung befassen sich mit dem Schutz, den die Familie zu ge
währen pflegte, den sie aber unter den modernen Bedingungen der In
dustrie nicht mehr geben kann. Neun Zehntel unserer Gesetzgebung,
die sich der Schwachen annimmt, von der staatlichen Jugenderziehung
bis zu den staatlichen Altersrenten, sind eine Durchdringung der gan
zen Gemeinschaft mit der Familienidee, sind die Wirkungen des Fa
miliengeistes auf den Staatswillen, weil sich inzwischen Umstände ge
bildet haben, die das Walten dieses Geistes, wenn nur die Familie sein
Träger ist, vereiteln und zunichte machen. Tatsache ist nicht nur,
wie ich oben schon angeführt habe, daß sich das Gebiet der mensch
lichen gegenseitigen Abhängigkeit vergrößert hat, sondern diesem Pro
zesse ging eine durch die moderne soziale Entwicklung erzeugte Schwä
chung der wirtschaftlichen und gewerblichen Macht der Familie pa
rallel, die sie unfähig macht, ihre Aufgaben als Beschützerin erschöp
fend zu erfüllen. Jeder Kulturstaat zeigt diese Tendenz, die offenbar
der unaufhörlich fließende Strom des Fortschrittes ist.
Wenn aber der Familiengeist der Frau der modernen sozialen Ent
wicklung wesensgleich ist und ihre Erfahrung deshalb dem Geiste des
heutigen Staates durchaus nicht widerspricht, sind ihre Lebens
praxis und ihr Standpunkt für die Regierungszwecke auch erforder
lich? Dem Frauenstimmrecht steht nichts entgegen, aber ist es nötig?
Ich denke: ja; denn abgesehen von der Tatsache, daß, wenn der Weg
zum Wahlrecht offen ist, es stets gegeben werden soll, kann der allein
von den Männern durch den Staat interpretierte und angewandte
Familiengeist für die Gesellschaft die größten Gefahren heraufbe
schwören. Der Mann ist weder der Schöpfer noch der Hüter der
Familie, sondern das ist das Werk der Frau gewesen. Ursprünglich
wuchs die kleine Gemeinschaft um ihren Herd, sie war der feste Punkt,
um den sich ringsum die Kinder versammelten, an dem der Mann sich
niederließ. Sie formte das Haus, ihren Geist hauchte sie dem Heime
em. Und jetzt, wo die Verwaltung des Herdes nicht länger die der
großen Welt deckt oder allen Bedingungen des modernen Lebens gerecht